Einleitung
In den Untersuchungen des Teilprojektes 2 ‚Biodiversität und Freiraumplanung im Stadtteil‘ nutzen wir verschiedene Methoden, um Siedlungen zu beschreiben und zu analysieren. Neben allgemein zugänglichem Wissen zu Siedlungsgebieten und Fachinformationen z. B. zu Boden und Vegetation werden Planungsunterlagen und Gespräche mit Bewohner:innen im Gelände sowie mit Planer:innen berücksichtigt. Die in den Erhebungen gemachten Beobachtungen werden beschrieben und fotografisch dokumentiert. Auf unseren Erkundungen in den Siedlungen gehen wir dabei indizienwissenschaftlich vor, indem wir Nutzungsspuren sichten und davon ausgehen, dass die materielle Ausgestaltung der Siedlung und ihre baulichen Anteile bedeutsam sind, insbesondere für die Menschen, die dort leben. Damit nutzen wir hermeneutische Verfahren sowohl in der Textanalyse als auch in der Spurensicherung zu München-Freiham. Aus Gesprächen mit Bewohner:innen im Gelände ergeben sich weitere, vertiefende Einsichten über das Leben in Freiham. Die Beobachtungen, Dokumentationen und Interpretationen bringen wir mittels dokumentarischer, ethnografischer und indizienwissenschaftlicher Methoden in unseren Untersuchungen zu Freiham zusammen.
Der Wohnungsmarkt der bayerischen Landeshauptstadt München ist von Einwohnerzuwachs geprägt. Nach der Phase der ‚doppelten Innenentwicklung‘, repräsentiert z. B. durch die Konversion der Prinz-Eugen-Kaserne zur Siedlung Prinz-Eugen-Park in München, entstehen hier wie auch andernorts in Deutschland neue Siedlungserweiterungen am Stadtrand. Ein prominentes Beispiel ist München-Freiham.

Freiham, eine aktuelle große Siedlungserweiterung am westlichen Stadtrand Münchens gelegen, soll im vollständigen Ausbau Wohnraum für 20.000 bis 30.000 Menschen bieten. Freiham gehört zwar nicht zu den zentralen Untersuchungsgebieten unseres Teilprojektes ‚Biodiversität und Freiraumplanung im Stadtteil‘, das ausgewählte Siedlungserweiterungen in Hamburg, Frankfurt und Freiburg detailliert untersucht. Freiham wird daher in diesem Bericht als eine weitere Variante neuer Siedlungserweiterungen am Stadtrand betrachtet. Der Kurzaufenthalt in München ermöglichte somit keine vergleichbar detaillierte Analysetiefe wie in unseren zentralen Untersuchungsgebieten.
München-Freiham
Die Siedlung Freiham liegt zwischen Neu-Aubing und der Bundesautobahn A99, hinter der sich nach wenigen hundert Metern die Stadtgrenze Münchens nach Germering befindet. Nach Norden wird sie durch die alte Siedlung Aubing und nach Süden durch die A96 begrenzt.

Die bislang errichtete Wohnbebauung wird von Geschosswohnungsbau mit 5 bis 7 Etagen dominiert (Abb. 3, 9). Die Baukörper stehen zumeist entlang von Straßen, zu denen die Gebäudeerschließung orientiert ist. Sie werden zwar als ‚Blöcke‘ bezeichnet, entsprechen in der internen Erschließung und hinsichtlich der Freiraumbezüge aber weniger einer Blockrandbebauung (mit Hinterhof) als einem straßenorientierten Zeilenbau (vgl. Harenburg/Wannags 1992).

Die Ausgleichsflächen und -maßnahmen für die Bebauung von Freiham werden im räumlichen Zusammenhang mit der Siedlung beidseitig der A99 ausgewiesen, informierte ein Mitarbeiter des Planungsreferats. Diese betreffen landwirtschaftliche und forstliche Flächen. Sowohl für die Siedlung als auch teilweise für die Ausgleichsflächen werden Agrarflächen der landwirtschaftlichen Nutzung entzogen oder mit naturschutzfachlichen Auflagen belegt sowie neuen Aufgaben für Siedlung und ökologischen Ausgleich zugeführt. An den aktuellen Baustellen in Freiham lässt sich beobachten, dass deren fruchtbare Oberböden bis zur Tiefe des C-Horizonts der eiszeitlichen Schotterterrasse vor der Bebauung entfernt werden (Abb. 4). Die Ausgleichsmaßnahmen betreffen Flächen meistens mit ackerbaulicher Nutzung östlich und auch Grünland, Wald und Moorgebiete westlich der Autobahn. Fällt die Biodiversität auf den Ackerflächen noch gering aus, so weißen die Vegetationsausstattung und in Folge auch die Biodiversität auf den nicht bewirtschafteten Flächen z. B. des ehemaligen Gleislagers, auf das wir unten ausführlich eingehen, und den Ausgleichsflächen mit dem anstehenden Kies-Substrat hohe Artenzahlen auf. Die glazialen Kiesablagerungen aus den Alpen enthalten nennenswerte Kalkanteile, die sich in der Artenstruktur der Vegetation andeuten, die Anklänge an Halbtrockenrasen zeigt. Von einigen Tonlinsen, über die sich Vegetation staunasser Standorte entwickelt, und den Ausläufern des ‚Dachauer Mooses‘ westlich der A99 abgesehen ist die (spontane) Vegetationsentwicklung auf den glazialen Schotterterrassen durch die sommerliche Bodentrockenheit bestimmt.

Neben landwirtschaftlichen Betrieben sind von der Ausgleichsplanung auch Gartennutzungen betroffen (Abb. 5), die zukünftig der Bebauung weichen müssen. Auf den sichtbaren Bedarf an privat nutzbarem Gartenland scheint die Siedlungsplanung nach eigener Beobachtung nur halbherzig mit der Anlage von Gemeinschaftsgärten und gelegentlichen Kleinstgärten (Abb. 14) zu reagieren.

Entlang der A99 ist auf deren Ostseite zwischen der Autobahn und der entstehenden Siedlung ein weitläufiger Landschaftspark mit zwei Badeseen geplant, der als grüner Freiraum für Freizeit und Erholung in wohnungsnähe dienen soll (Landeshauptstadt München 2026). In dessen nördlichem Abschnitt sind 150 Kleingärten vorgesehen. Für den vollständigen Ausbau von Freiham sind ca. 10.000 Wohnungen zumeist im Geschosswohnungsbau geplant. Im heutigen Gebäudebestand ist nur in Ausnahmenfällen von der Erdgeschosswohnung ein direkter Zugang in den angrenzenden Garten möglich.
Westlich der Autobahn erstrecken sich Freizeitnutzungen auf Ausgleichsflächen und geschützte Landschaftsbestandteile. In Folge des Geschosswohnungsbaus und der hohen städtebaulichen Dichte entwickelt sich ein Nutzungsdruck auf die umliegenden Agrar- und Ausgleichsflächen (Abb. 6, 7) z. B. durch Jugendliche und Hundehalter:innen.

Dies könnte auch mit den ‚ökologisch gestalteten Ausgleichsflächen‘ zu tun haben, die an Szenerien aus dem Repertoire des Landschaftsparks erinnern. Eine mit kleinen Tümpeln bereicherte Wiese, über die sich bei unserem Besuch das Quaken von Kröten oder Fröschen und der Gesang von Vögeln ausbreitete, entspricht dem literarischen Topos des ‚locus amoenus‘ (Curtius). Diese Flächen seien schon jetzt bei Ausflüglern und Hundebesitzer:innen aus der Siedlung beliebt, wurde von unserer Begleitung erläutert, weshalb sich für die Landschaftsplanung neben Aufgaben zum Naturschutz auch Fragen der Lenkung von interessierten Gruppen (z. B. Radfahrer:innen, Hundebesitzer:innen) ergäben, die Nutzer:innen nicht generell ausschließen soll.

Da die Siedlung Freiham vorrangig mit Geschosswohnungsbau für über 20.000 Bewohner erbaut wird, benötigt die zukünftige Bewohnerschaft ein entsprechend großes Freiraumangebot. Im direkten Umfeld der Gebäude befinden sich meistens (halböffentliches) Abstandsgrün sowie öffentliche Erschließungsflächen und Plätze, bei wenigen privaten Parzellen oder Gärten, die dauerhaft individuell genutzt werden können. Die meisten Menschen sind für ihre Freiraumnutzungen in der wohnungsnahen Umgebung somit auf die allgemein zugänglichen Flächen im fußläufigen oder mit Fahrrad erreichbaren Umland angewiesen.
Für die Feldflur westlich der Autobahn wurde ein Naherholungskonzept erarbeitet, um den Leuten attraktive landschaftsbezogene Erholungsmöglichkeiten zu bieten und gleichzeitig den Druck auf die ‚Moosschwaige‘ zu mildern (vgl. Abb. 7) sowie für den größeren Umgriff ein landschaftsbezogenes Wegekonzept für den Münchner Westen (Landeshauptstadt München 2019; v. Detten; Schultz 2022), auf dem das landschaftsbezogene Naherholungskonzept basiert (Landeshauptstadt München 2025).
Leitbild und Realität
Obwohl die öffentliche Infrastruktur mit ÖPNV-Anschluss, Energieversorgung, Verkehrserschließung und Bildungseinrichtungen sowie ein Angebot für den täglichen Bedarf vorhanden sind, entwickelt sich die Bebauung der Siedlungserweiterung fällt unseres Erachtens derzeit recht zögerlich aus. Verglichen mit einem ersten Eindruck auf einer Tagesexkursion nach Freiham im Februar 2025 ergibt sich im April 2026 der Eindruck, dass die Bebauung Freihams sehr langsam voranschreitet (Abb. 3, 8, 9).
„‚Stadt der kurzen Wege‘ lautet das Leitkonzept für Freiham. Das bedeutet: Der Weg zur Arbeit, zur Schule oder zum Kindergarten sowie zum Einkaufen soll nicht zu lange dauern und ohne Auto möglich sein.“ (Verkehr und Mobilität, in Landeshauptstadt München online ohne Jahresangabe).
Die Siedlung befindet sich zwar noch im Bau, viele der bislang errichteten Wohngebäude sind aber schon bezogen. Zwar könnte man bei dem Zitat an eine Stadt ohne Autos denken, allerdings zeigte ein Spaziergang durch die Siedlung, dass schon jetzt viele Tiefgaragen unter Gebäuden und angrenzenden Freiflächen angelegt sind, der Stadtteil also zukünftig neben dem fußläufigen durch motorisieren Individualverkehr mitgeprägt werden wird. Im Gelände ergab sich ein spontanes Gespräch mit einer Familie über die Tiefgaragen, in dem geäußert wurde, dass viele Familien im Quartier über Zweitwagen verfügen würden. Solche zufälligen Aussagen lassen sich nicht verallgemeinern, belegen aber im Sinne der qualitativen Sozialforschung, dass es in der Bevölkerung solche Ansichten gibt. Ob von dem Konzept der ‚Stadt der kurzen Wege‘ nach dem Vollausbau der Siedlung auch die Nahversorgung, besonders der Einzelhandel und die Gastronomie profitieren können, wird sich zeigen.
„Wesentliche Voraussetzung für die Entlastung der Wohnquartiere vom Kfz-Verkehr und Schaffung hoher Freiraum- und Aufenthaltsqualität ist ein engmaschiges, attraktives Fuß- und Radverkehrsnetz, eine gute Anbindung an den öffentlichen Personennahverkehr und ein innovatives Mobilitätskonzept.“ (Verkehrskonzept, In Landeshauptstadt München online ohne Jahresangabe) .
Die Siedlung wird aktuell von der S-Bahnlinien S8 an die Innenstadt und in deren weiterem Verlauf an den Flughafen München angebunden. Die S8 hält in der zukünftigen Mitte Freihams, dessen Norden durch die S-Bahn S4 in Alt-Aubing erschlossen wird. Die geplante Weiterführung der U-Bahnlinie U5 über Pasing hinaus, deren Endstation am zukünftigen Bildungscampus im Westen entstehen sollte, entfällt nach derzeitigem Planungsstand wegen Geldmangels.

„Die wesentlichen Elemente einer Stadt der kurzen Wege sind eine kompakte Siedlungsstruktur, Nutzungsmischung, eine hohe Durchlässigkeit des Quartiers für den Fuß- und Radverkehr sowie die attraktive Gestaltung der öffentlichen Räume, so dass diese zum Aufenthalt einladen.“ (Verkehrskonzept, In Landeshauptstadt München online ohne Jahresangabe).
Innerhalb Freihams werden die Infrastrukturen durch ein engmaschiges Netz an Bushaltestellen und kurzen Taktzeiten mit dem ÖPNV erschlossen. Zwischen den Geschosswohnungsgebäuden befinden sich von Kfz freie Wege für Fußgänger- und Radfahrer:innen. Die Freiflächen in den eng bebauten Siedlungsteilen werden dadurch einerseits belebt und andererseits können Nutzungskonflikte durch die Mischung unterschiedlicher Verkehrsmittel, deren Geschwindigkeiten stark variieren (0 bis 30 km/h) auf einer gemeinsamen Fläche (Shared Space), entstehen. Die flache Ebene ist für Radfahrer:innen auch ohne Motor-Unterstützung gut geeignet, und die meisten befestigten Wege und Plätze sind auch für den Radverkehr zugelassen. Die durchmischten Verkehrsarten auf einer gemeinsam genutzten Fläche vereinigen teilweise sehr unterschiedliche Geschwindigkeiten (Reaktionszeiten und Wendigkeiten), die vom Stehen über Gehen und Kinderspiel bis hin zum schnellen Radfahren reichen. Insbesondere durch E-Roller, E-Bikes und Lastenräder etablieren sich höhere Geschwindigkeiten auf Gehwegen mit Fahrradzulassung. Dies führt nicht selten zu sozialen und physischen Konflikten. Gerade die hochflexiblen Nutzungsmöglichkeiten des Fahrrades, die das Verkehrsmittel so beliebt und variabel einsetzbar machen, verlangt nach sozialen Konventionen und Rücksichtnahme im Kontakt zu Fußgänger:innen, wie man das in ‚Fahrradstädten‘ beobachten kann (vgl. Lorberg/Bellin-Harder 2024). Gerade eine rücksichtsvolle Kultur des Radfahrens auszubilden, wäre ein wünschenswertes Vorhaben für autoreduzierte Siedlungen der Zukunft.

Fehlende Wegeverbindungen werden von den Bewohner:innen durch das Betreten der rasigen Vegetation spontan hergestellt, im Gelände wahrgenommen und lokal akzeptierter Nutzungsspielraum verstetigt (vgl. Hard 1995; Lorberg 2017). Auf den trockenen Schottersubstraten lassen sich Trampelpfade leicht und sicher allein durch das Betreten sichtbar ‚eintreten‘ (Abb. 10).

„Die Planung geht einher mit der sparsamen Versiegelung von Flächen und einer angemessenen Dichte der Baustruktur, die durch Grünflächen aufgelockert wird. Zugleich entsteht ein großzügiger Landschaftspark, der das Herzstück des neuen Wohngebiets bildet und südlich der Bodenseestraße mit Ausgleichsflächen fortgesetzt wird. Der Landschaftspark ist über Grünzüge mit der Umgebung vernetzt und soll auch Anwohner*innen aus den umliegenden Stadtteilen zur Erholung dienen.“ (Grün und Natur in Freiham, In Landeshauptstadt München online ohne Jahresangabe).

Von sparsamer Versiegelung kann in Freiham nicht die Rede sein. Die öffentlichen Freiräume sind, wie so häufig unter dem Diktat der Landschaftsarchitektur, die der richtigen Architektur im Materialeinsatz nachstrebt, heftig versiegelt (Abb. 11). Die Regulierung des dort anfallenden Niederschlagswassers wird lokal gelöst mittels einer kostengünstigen und dezentralen Entwässerung in Rigolen entlang der versiegelten Flächen und Wege. Die Lagegunst der Schotterterrasse bietet sich für eine nachhaltige Versickerung vor Ort an (Abb. 12). Zudem können die lockeren Schottersubstrate problemlos betreten werden, ohne zu Verdichtungen zu führen, und können daher problemlos dem Kinderspiel dienen.

Zur Entwässerung von versiegelten Verkehrswegen und Plätzen werden zukünftige Grünflächen in vertieften Flächen angelegt, die bei Starkregen das Niederschlagswasser aufnehmen und lokal an der Oberfläche sammeln können. In den Rigolen kann es dezentral versickern und zur lokalen Grundwasserneubildung innerhalb der Siedlungsfläche beitragen.
Weitere Beobachtungen in Freiham
Ergeben sich auf der Leitbildebene im Vergleich mit der baulichen Umsetzung der Ziele eklatante Widersprüche, so zeigen sich hinsichtlich der Freiraumplanung und Vegetation im Gelände sowohl Unstimmigkeiten als auch positive Ansätze, die anhand von Nutzungsspuren identifizierbar sind.

Obgleich Freiham eine Siedlung mit reduziertem privaten Autoverkehr werden solle (s. o.), werden Tiefgaragen gebaut, die notwendig seien, weil viele Familien mehrere Fahrzeuge besitzen, berichteten Bewohner:innen in spontanen Gesprächen über das Quartier. Die Tiefgaragen befinden sich teilweise unter Gebäuden, erstrecken sich aber über diese hinaus, wie die Lüftungsschächte erkennen lassen (Abb. 13, 14). Unter Freiflächen wirken sie sich auf die Vegetationsfähigkeit der Freiräume und indirekt auf deren Nutzbarkeit aus (siehe zu dem Thema Tiefgaragen unseren Blog-Beitrag „Dächer im Boden – Bäume ohne Chance“ im November 2025). Wird schon die rasige Vegetation der Freiflächen sichtbar durch die unterirdische Versiegelung der Substrate vom Grundwasser in ihrer Vitalität negativ beeinflusst, so wirkt sich diese Beeinträchtigung umso negativer bei Gärten aus, insofern der gärtnerische Erfolg deutlich eingeschränkt wird.

Die geringe Bodentiefe der Gärten und der Abschluss vom Grundwasser mit eingeschränkter Kapillarität erschweren den Gartenbau und bedingen eine erhöhte Bewässerung. Brachliegende Parzellen mit Resten von Gartenpflanzen deuten auf Misserfolge in der Gartennutzung und deren Aufgabe. Selbst die aufwendig ausgestatteten Gartenparzellen weisen keine intensive Gartennutzung auf. Uns wurde berichtet, dass im nördlichen und westlichen Bauabschnitt, der noch nicht realisiert ist, die Errichtung von Hochgaragen statt Tiefgaragen geplant sei. Damit entfiele dort die unterirdische ‚Bodenversiegelung‘ von Freiräumen. „Durch den Entfall von Tiefgaragenunterbauungen konnten die Prinzipien der ‚Schwammstadt‘ in die Planung aufgenommen werden und somit qualitätsvolle unterbauungsfreie Wohninnenhöfe mit Großbaumstandorten ermöglicht werden“ (Landeshauptstadt München online ohne Jahresangabe).
Auffällig in Freiham, wie auch in anderen neuen Siedlungserweiterungen an Stadträndern, sind die vielen Kinder ebenso wie die Sprachvielfalt in Freiham, was auf junge Familien mit Migrationshintergrund bei guten finanziellen Ressourcen deutet. Über die Kinder in Freiham berichtete unlängst Elena Spatz in ihrem Blog-Beitrag „Freiräume für Kinder verstehen und inventarisieren – Bericht aus der Feldforschung“ (April 2026) ausführlich (vergl. auch Sarah Mente und Johanna Niesen „Eine Postkarte aus Freiham“, September 2025).

Am Ostrand Freihams, im Übergang zur Siedlung Neu-Aubing, befindet sich ein Parcours mit diversen Spielgeräten, die teilweise mit einer schriftlichen Gebrauchsanweisung versehen sind, um die sachgerechte Benutzung zu erklären (Abb. 16). Ob die Erklärungen dem Versicherungsschutz geschuldet sind oder ein geringes Vertrauen in die Findigkeit der Kinder ausdrückt, entzieht sich unserem Wissen. Die Experimentierfreude der Kinder zeigt sich in den Nutzungsspuren (Abb. 17), wie eine informelle Radverbindung, die neben einem asphaltierten Fahrradweg die gestaltete Geländequalität einer Vertiefung als eine sportliche Herausforderung für Radfahrer:innen einbezieht.

Für die Kinder und deren Spielgeräte wurde also ausgiebig gesorgt. Auf dem Parcours finden sich kleine Kinder, die von Erziehungsberechtigten beaufsichtigt werden können. Leider gibt es zu wenig Bänke und Tische für die erwachsenen Begleiter:innen, die andere Freiraumansprüche haben als die Kleinkinder. Diese Beobachtung konnten wir auch andernorts in Neubaugebieten machen (Bellin-Harder/Lorberg 2025).
Der Grünzug mit Spielgeräten wurde schmal gehalten, um eine Anbindung zur benachbarten Siedlung Neu-Aubing zu ermöglichen, berichtete ein Mitarbeiter des Planungsreferates. Auf der Seite zu Neu-Aubing befindet sich ein alter Siedlungsrand, der mit einem bewaldeten Schutzwall zur ehedem landwirtschaftlich genutzten Fläche gestalterisch abgeschlossen wurde. Wie Nutzungsspuren im Gehölz andeuten, wird dieser Wall offenbar von Kindern betreten und als verborgener Ort für Spiele und sonstigen Erfahrungen genutzt. Heranwachsende Kinder muten sich mit fortschreitendem Alter und Kompetenzen neue Erfahrungsräume zu (vgl. Muchow 2012), die sie auf dem Wall für sich entdecken und selbstbestimmt ergreifen können (Abb. 18, 19). Hartmut Rosa (2020) spricht von Erfahrungen der Selbstwirksamkeit im freien Kinderspiel, die Selbstvertrauen in die soziale Handlungsmacht vermitteln. Funktional undefinierte oder dysfunktionale Freiräume (Heinemann/Pommerening 1991, Burckhardt 1985) sind dazu besonders geeignet.

Wenngleich das Substrat des bewaldeten Walls aus nährstoffreicheren Böden besteht als die Schotterflächen, zeigt er die potenzielle Vegetationsentwicklung an gealterten Wuchsorten an. Am Rand der Gehölze haben sich Saumgesellschaften entwickelt, die in schattigen Lagen feuchte Säume (z. B. Geo-Alliarion) bzw. Versaumungen (z. B. Aegopodion) auf beschatteten Flächen und auf der Sonnenseite trockene Säume (z. B. Agropyretalia) aufweisen (vgl. Wilmanns 1988). Säume bilden sich an kontinuierlich gepflegten Standorten und zeigen damit eine gewisse ökologische Stabilität der Vegetation und ihrer Wuchsorte an (vgl. Gehlken 2025). Dieses Vegetationsphänomen deutet wiederum indirekt auf die Dauerhaftigkeit der Freiräume, die in den Erfahrungsschatz der Nutzer:innen einbezogen werden und damit Verhaltenssicherheit vermitteln können.

Die Vegetationsausstattung des Walls, die Gehölze und die Säume zeigen die zeitliche Tiefe des Standortes an, ebenso wie die Nutzungsspuren (Abb. 18, 19) die kontinuierliche Nutzung andeuten. Beide Indizienebenen stehen für die Verlässlichkeit in den Fortbestand des Freiraums, der in die neue Siedlung schlichte Gelassenheit bringt.
Neben klassischem Geschosswohnungsbau, der an größeren Straßen als Blockrand bzw. ‚straßenorientierter Zeilenbau‘ (Harenburg/Wannags 1992) ausgebildet ist, finden sich experimentelle Gebäudeerschließungen, die verwinkelt angelegt und funktional an Laubengangerschließungen orientiert sind, z. B. der Siedlungsteil von ‚Wagnis-West‘. Der Bauträger, eine Genossenschaft, versuchte anscheinend mittels verwinkelter Treppen ein Paradies für Kinderspiel zu entwerfen. Die Wohnung, die über viele Treppen und Stege erreichbar ist, wird quasi zum Baumhaus (Abb. 21), das dann aber wiederum regulär über einen Fahrstuhl erschlossen wird. Aus der durch die Erschließung bedingte enge Positionierung der Gebäude resultieren in Verbindung mit der Gebäudehöhe (5 Etagen) dunkle Innenhöfe und schlecht belichtete Innenräume.

Obwohl schon Wohnungen bezogen sind, befindet sich die Vegetation noch im ‚Rohbau‘, was auf den glazialen Kiesterrassen eindrucksvoll wirkt, wenn die Vegetationsentwicklung z. B. Steppenlandschaften, wie sie in der pannonischen Klimazone verbreitet sind, in Freiham physiognomisch suggeriert (Abb. 29). Zugleich ergeben sich Reminiszenzen an Neubausiedlungen in der DDR mit liegengelassenen bzw. noch nicht weiter gärtnerisch entwickelten Freiräumen nach der Fertigstellung der Hochbauten (Abb. 12, 22). Allein das Vertrauen in die Finanzkraft Münchens und das Vermarktungsinteresse der Wohnungsbauunternehmen lässt solche Bilder schnell verblassen. Bislang sind die direkt angrenzenden Flächen und der Spielgeräte-Parcours gärtnerisch entwickelt worden. Die großen geplanten Grünräume liegen noch brach bzw. sind sie nicht gleichzeitig mit dem Bezug der Wohnungen gestaltet worden. Sie weisen meistens eine initiale Vegetationsentwicklung auf dem anstehenden Substrat auf. Die zukünftige Funktionszuweisung als Rigole ist aber schon tiefbaulich erkennbar.

Die geplanten Bäume könnten an den zukünftigen Rigolen längst gepflanzt sein, wie das bei der Entwicklung der Gewerbegebiete geschehen ist, und auf den steinigen Flächen kühlenden Schatten verbreiten, von dem auch die Bewohner:innen in den Gebäuden profitieren würden (Abb. 22). Angesichts starker Winde auf der Ebene würden diese durch Bäume vermindert und weniger Staub aufgewirbelt, der zudem vom Laub gebunden werden würde.
Vegetation im Gewerbegebiet Freiham-Süd
Die im Vergleich zum Abschnitt nördlich der S-Bahn Haltestelle Freiham, auf dem Wohnen, Nahversorgung, soziale Dienstleistungen und Bildung vorherrschen, liegt im Südabschnitt eine andere Flächennutzung und Vegetationsausstattung vor. Der südliche Abschnitt Freihams wird neben Geschosswohnungsbau, der sich von der S-Bahn Haltestelle bis zur Clarita-Bernhard-Straße erstreckt, durch Gewerbe und Ausgleichsflächen charakterisiert. Innerhalb des Gewerbegebietes sowie des ehemaligen Gleislagers und des Wäldchens an der A96 scheint die Vegetation nach ökologischen Kriterien entwickelt worden zu sein.

Interessanterweise ist die Vegetationsgestaltung auf den Freiflächen im Gewerbegebiet deutlich weiter gediehen als in den Wohngebieten. Dies liegt einerseits daran, dass die Gewerbeflächen früher bebaut und gärtnerisch entwickelt wurden. Das Kiefernraster ist schon vor der angrenzenden Bebauung 2010 bis 2011 angepflanzt und die Schotterdiagonalen (Abb. 25) ca. 2015 angelegt worden (siehe Zeitleiste auf Google Earth). Anderseits gehört die grüne Einbindung der Gewerbe zur positiven Wirkung auf Kunden dazu und stehen die Außenanlagen für die Qualität der Gewerbebetriebe, egal ob sie Möbel verkaufen oder Dienstleistungen anbieten. Das gestaltete Grün zieht offenbar Kund:innen, Mitarbeiter:innen und auch Bewohner:innen aus Freiham an, die auf den Grünflächen für Spaziergänge, zum Ausführen von Hunden und für Mittagspausen unterwegs sind.

Im Bereich der Gewerbenutzung dominieren deutlich landschaftsarchitektonische Anlagen (Abb. 25), die sich deutlich von der Vegetationsentwicklung auf dem ehemaligen Gleislager unterscheiden. In der Gestaltung dazwischen liegen die Ausgleichsflächen des Möbel- und Baumarktes, auf die wir weiter unten detailliert eingehen.
Die Vegetation des ehemaligen Gleislagers, das im Zweiten Weltkrieg ein Arbeiterlager für Zwangsarbeiter:innen aus den besetzten Gebieten war, wurde für den Naturschutz als wertvoll qualifiziert und zur ökologischen Ausgleichsfläche herangezogen. Auf den Kies- und Schotterböden hat sich eine schüttere Vegetation entwickelt (Abb. 26-28), die aus Spontanaufwuchs meist krautiger Bestände bis hin zu einzelnen Gehölzinseln mit Birken und Pappeln besteht. Insbesondere auf den Betonfundamenten und Eisenplatten hat sich eine schwache Vegetationsschicht entwickelt, die aus Moosen und Pflanzen trocken-heißer Extremstandorte (Sedo-Scleranthetea) besteht.

Auf den industriell geprägten Brachflächen ergeben sich charakteristische Vegetationsentwicklungen und interessante Bilder in der Vegetation. Neben der ästhetischen Wirkung lässt sich die Spontanvegetation überdies von den Nutzer:innen alltagsweltlich lesen als ein Freiraum, der selbstbestimmt betreten werden kann (Hard 1995; Lorberg 2017).

Die Fläche ist offiziell zugänglich und wird mit einem Rundweg erschlossen, der weitgehend auf die vorhandenen Betonfundamente des Arbeitslagers und einen Trampelpfad zurückgreift. Das Gelände wird zudem über spontane Zuwege und Trampelpfade erschlossen (Abb. 29).

Die nach ökologischen Aspekten gepflegte Anlage des Gleislagers enthält Strukturelemente wie Schotter, Rasen und Kiefern, die in der deutlich artifizielleren Gestaltung der Gewerbenutzung (Abb. 24, 25) zwar aufgegriffen werden, ohne sie dabei in ihrer typischen Verbreitung (Abb. 29, 30) zu kopieren. Die landschaftsarchitektonische Distanz zur ‚Natur‘ bleibt dort nicht nur gewahrt, sondern wird signifikant betont.

Südlich, noch auf Münchener Gemarkung, grenzt ein Wäldchen an mit informellen Freizeitnutzungen, auf die wiederum viele Trampelpfade durch Wald und Gebüsch deuten, die gegen die Vegetationsentwicklung durch eine permanente Benutzung stabilisiert werden. Neben diesen alltäglichen Freizeitnutzungen wie Spaziergänge mit Hunden finden sich deutliche Zeugnisse des Kinderspiels wie z. B. benutzte Baumhäuser (Abb. 31). Noch weiter südlich geht der Wald in das ‚Planegger Holz‘ über, das sich schon außerhalb Münchens befindet.

Zwischen dem Wäldchen und dem Gewerbegebiet liegen landschaftlich gepflegte Grünlandflächen (Abb. 32), die einerseits an landwirtschaftliche Wiesen und andererseits durch die Gehölzinseln an offene Grünflächen in einem Landschaftspark erinnern.
Am südlichen Ende des Gewerbegebietes und damit auch Freihams befindet sich ein Möbel- und Baumarkt, der zugleich zur ersten Bebauung Freihams insgesamt gehört. Schon 2009, direkt nach seiner Errichtung, ist das Gebäude von einer grünen Einfassung gestalterisch gerahmt (Zeitleiste auf Google Earth). Heute sind die Flächen östlich und südlich vom Möbel- und Baumarkt durch einen neuen und hohen Drahtzaun umgrenzt und diesem zugeordnet, deren Vegetation sichtbar durch Rasenmahd und Gehölzschnitt gepflegt wird (Abb. 33). Vermutlich dienen sie neben der grünen Einbettung der Gewerbegebäude auch in ihrer Vegetationsausstattung als Ausgleichsmaßnahmen für die Bebauung.

Erfahrungsgemäß sind die naturschutzfachlichen Zielsetzungen für Ausgleichsmaßnahmen diffus formuliert und lassen Spielraum für die Gestaltung, die sich an bestimmten Naturbildern und entsprechenden Elementen, z. B. Tümpel oder Magerrasen, orientiert (Abb. 6, 33). Dabei strebt die Landschaftsarchitektur dem Ideal des Landschaftsgartens in der visuellen Gestaltung des Geländes und der Vegetation nach (vgl. Bellin 1996).
Aus Landschaftsarchitekturbüros ist bekannt, dass die Anlage und Gestaltung von Ausgleichsmaßnahmen weniger rechtlichen Bindungen unterliegen als urbane Freiräume, die aufgrund der Nutzungsvielfalt viele rechtliche und bautechnische Auflagen erfüllen müssen. Diese Auflagen können in der Anlage von Ausgleichsflächen entfallen, was die gestalterischen Freiheiten erweitert. Die Ausgleichsflächen am Möbelmarkt fallen entlang des Weges vielgestaltig aus. Die Wegeführung durch das gestaltete Gelände, die streckenweise ins Substrat vertieft wurde, ermöglicht für die Spaziergänger:innen abwechslungsreiche Eindrücke, die teilweise das Hauptgeländeniveau auf Augenhöhe zeigen (Abb. 35).

Die Vegetation trockener Standorte, Magerrasen, siedelt auf einem morphologisch gestalteten Gelände, das bei ähnlichem Schottersubstrat unterschiedliche Standortqualitäten bietet. Das Bild bietet Ähnlichkeiten zur Gestaltung von Flächen im Gleislager (Abb. 34).

Die Gestaltung und Pflegeintensität nimmt von den an die Bebauung angrenzenden Flächen hin zu den Grundstücksrändern ab. Ein vertieft geführter Weg, an dessen Böschungen durch wechselnde Erosion und Sonnenexposition sich differenzierte und abwechslungsreiche Vegetationsphänomene ergeben, trennt den zum Baumarkt hin deutlich gepflegten vom weniger gepflegten Bereich zum Gleislager hin ab (Abb. 35, 36).

Dieser Ausblick zeigt den Übergang von naturalistischer Gestaltung hin zur artifiziellen Gestaltung (Abb. 36). Damit die naturalistische Vegetationsverwendung als Gestaltungsabsicht erkennbar wird, muss sie eine Differenz zur (nicht gestalteten) ‚Natur‘ artikulieren, die sie als Verwilderung erscheinen lässt. Natur zeigt sich innerhalb der gestalteten Anlage als zeitliches Phänomen, als Prozess. Diese Gestaltungshaltung unterscheidet die naturalistische Vegetationsverwendung von bloßer ‚Heimattümelei‘.
Die Materialgunst der Schotterterrasse wird offenbar genutzt, um die Übergänge zwischen den Bildern sicher zu handhaben, aber kann das Gewerbegebiet und die Vegetation nicht nachhaltig auf den Klimawandel vorbereiten. Die Kiefern riechen zwar gut, ihre klimatische Wirkung ist aber gering. Trotz der Attraktivität der Ausgleichsmaßnahme für Grün liebende und vor allem an Pflanzen interessierten Menschen ist das Gebiet bemerkenswert wenig auf die Anwesenheit von Menschen im Freiraum vorbereitet, die einen ruhigen Aufenthalt im Schatten suchen, und kann daher seine Aufgabe, Kund:innen zu werben und für Mitarbeiter:innen eine Pause im Freien zu ermöglichen, nicht zureichend erfüllen. Ein paar Laubbäume und Bänke ggf. mit Mülleimern versehen, würden die Aufenthaltsqualität in der Grünanlage merklich erhöhen.
Fazit zu Bebauung, Freiräumen und Vegetationsausstattung in Freiham
Aus dem verdichteten Geschosswohnungsbau in Freiham resultiert ein hoher Nutzungsdruck auf Freiräume, aus dem schnell Interessenskonflikte unterschiedlicher Nutzer:innen, ohne räumlicher Ausweichmöglichkeit, resultieren können. Die Qualität der wohnungsnahen Freiräume wird von unterbauten Tiefgaragen, die den lokalen Wasserhaushalt ungünstig beeinflussen, eingeschränkt, indem z. B. der Vegetationseinsatz limitiert wird. Zudem kommt die bauliche Versiegelung von Oberflächen durch die Landschaftsarchitektur, die offenbar der Architektur im Materialaufwand nachstrebt. Die öffentlichen Freiflächen in Freiham sind, wie in jüngeren Siedlungserweiterungen insgesamt, eher unbebaute Restflächen der Architektur, die zwischen den Gebäuden frei geblieben oder als Verkehrswege zur Erschließung der Gebäude unumgänglich sind. Unseres Erachtens werden sie im städtebaulichen Entwurf zumeist als Spielwiese der Landschaftsarchitektur denn als qualitativ selbstbestimmter Lebensort für die Bewohner:innen betrachtet. Diese städtebauliche Anlage bedeutet allerdings nicht, dass sich die Menschen in Freiham den Platz, den sie zum Leben dort benötigen, nicht nehmen könnten. Sowohl Kolleg:innen aus dem Forschungsverbund (Mente/Niesen 2025; Spatz 2026; Friedel/Teske 2026) als auch wir haben Spuren selbstbestimmter Aneignung gesehen und auch Praktiken direkt beobachtet und in diesem Beitrag beschrieben. Auf dieses produktive Potenzial auch im Sinne praktischer und lokaler Demokratie könnte die Stadt- und Freiraumplanung beim Weiterbau der Siedlung und korrigierend zum städtebaulichen Entwurf anknüpfen.
Siedlungserweiterungen beanspruchen Flächen, deren bisherige Nutzung (häufig Landwirtschaft) anderen Flächennutzungen (meistens Wohnen, Versorgung und Verkehr) zugeführt werden. Mit dem Nutzungswandel verändern sich die ökologischen Qualitäten der Flächen, die nach dem Planungs- und Naturschutzrecht ausgeglichen werden müssen; idealerweise auf der Baufläche selbst, meistens aber auf sogenannten Ausgleichsflächen, auf denen bestimmte Ausgleichsmaßnahmen, die die ökologische Qualität der Flächen erhöhen, umgesetzt werden. Daher ist mit Siedlungsmaßnahmen eine mehrfache Beanspruchung von Flächen verbunden, sowohl für die Siedlung als auch für die Ausgleichsmaßnahmen. In der Regel werden dazu Flächen herangezogen, die landwirtschaftlich, meistens ackerbaulich genutzt werden, weil einerseits ihr Biotopwert gering ist und damit für die Bebauung weniger Ausgleichsmaßnahmen anfallen und andererseits auf ihnen der bislang niedrige Biotopwert mit geringerem Aufwand gesteigert werden kann.
Mit dem Ausgleich für den Siedlungsbau ist nicht alleine eine Einschränkung der agrarischen Bewirtschaftung und der Reduzierung landwirtschaftlicher Produktionsflächen verbunden. Es werden damit auch Flächen für informelle Formen des Gartenbaus (z. B. Grabeland, Gemeinschaftsgarten) und Kleingärten entzogen, ohne dass in Wohnungsnähe erreichbare Alternativen angeboten werden. Dies kann zur Vertreibung von Gärtner:innen führen, die keinen ihre Interessen vertretenden Berufsverband hinter sich haben. Im Forschungsverbund werden aus den beteiligten Teilprojekten zu der Thematik unterschiedliche Positionen vertreten und kommen verschiedene Fachperspektiven z. B. aus der Stadtplanung und der Freiraumplanung zum Ausdruck. Aus den sich daraus ergebenden Diskussionen resultiert ein zentraler Erkenntniszugewinn innerhalb der wissenschaftlichen Kooperation im Forschungsverbund.
Aus dem Fehlen wohnungsnaher privater Freiräume, wie z. B. Gärten am Haus oder Gartenzugang für Erdgeschosswohnungen resultiert ein deutlicher Nutzungsdruck beispielweise für Erholung und Sport auf die Ausgleichsflächen. Informelle Flächennutzungen wie Picknick, Grillen, Sonnenbaden, Hundeausführen, Fahrradfahren können zu Problemen mit dem Naturschutz führen. Rigide Maßnahmen der Besucherlenkung sowie der Schließung oder rechtlichen Aufhebung von Wegen führen unter Umständen zu lokalen Konflikten mangels räumlicher Alternativen oder Ausweichorten. Kleine Gartenparzellen und Gemeinschaftsgärten (urban gardening), die in Freiham angeboten werden, erfüllen andere Bedürfnisse als rechtlich abgesicherte Kleingärten, in denen eine dauerhafte Nutzung und selbstbestimmte Verfügung über Freiräume möglich sind.
Selbstbestimmte Orte, an denen bestimmte Bewoner:innen ihren Interessen nachgehen und das von anderen Bewohner:innen akzeptiert wird, lassen sich leicht an dauerhaften Nutzungsspuren und in der Vegetation nachweisen. Beispielsweise werden Trampelpfade durch kontinuierliches Begehen der Vegetation, meist Rasen, stabilisiert und zeigen eine akzeptierte Verhaltensweise an. Andernfalls würde der Rasen auf der Trittspur gedeihen oder würden Absperrungen angelegt. Spontan gewählte Orte des Kinderspiels wie z. B. auf dem östlichen Wall sind an den Spuren in der Krautvegetation und den Sträuchern leicht identifizierbar. Hier können Kinder und Heranwachsende ihre Kreativität entwickeln und selbstbestimmte Erfahrungen im Umgang mit ihrer belebten und sozialen Um- bzw. Lebenswelt machen. Nutzungsoffene Freiräume, die nicht von Kapitalinteressen dominiert werden, sondern ‚machtlosen‘ Nutzer:innen zur Verfügung stehen (Harvey 1987), geben sowohl Individuen als auch Gruppen die Gelegenheit, ihre räumliche Anwesenheit zu präsentieren und Erfahrungen von Selbstwirksamkeit zu machen (Rosa 2020).
Obgleich der Vegetationseinsatz auf den Gewerbeflächen optimierbar wäre, insbesondere durch den Einsatz standortgerechter und klimatisch wirksamer Laubbäume, deuten sie eindrucksvoll an, wie eine Ausgleichsplanung derart gestaltet werden kann, dass sie ökologische, gesundheitliche und ästhetische Anforderungen erfüllt. Die natürlichen Qualitäten des Geländes werden bis in das tragende Substrat hinein sichtbar gemacht. Für die Menschen, die auf dem Gelände unterwegs sind, böte sich allerdings eine nicht nur standortgerechte, sondern auch freiraumplanerisch sinnvolle Vegetationsverwendung an, für die sich Beispiele in dem Wäldchen an der A96 aufweisen lassen. Sie könnte dann zugleich als ein praktikables Vorbild für die Wohngebiete im Norden und Westen anbieten.
Für eine sozial bewährte Freiraumplanung ist insbesondere die Vegetationsausstattung relevant. Freiräume mit gealterter Vegetation und alterungsfähiger Lebensformen wie Gehölze, insbesondere Bäume, vermitteln ebenso die Dauerhaftigkeit von Freiräumen, wie sie diese auch erkennbar räumlich und funktional strukturieren. Beides vermittelt Verhaltenssicherheit in Freiräumen, ohne zu gängeln – was gerade für Heranwachsende bedeutsam ist, die sich in der Welt ausprobieren und Erfahrungen sammeln möchten (Bellin-Harder 2024). Vegetation ist nicht zuletzt für das Klima relevant, vor allem in stark überbauten Siedlungen auf trockenen Standorten, die sich im Sommer deutlich erhitzen und nachts die im Beton gebundene Hitze merklich ausstrahlen. Schattenspendende Bäume reduzieren tagsüber eine extreme Erwärmung der Siedlung, filtern Feinstaub und meliorieren durch die Transpiration die Luftqualität. Angesichts dieser hohen Bedeutung der Vegetation für die Lebensqualität auch in Freiham und der Tatsache, dass die Siedlung erst im Entstehen ist, insbesondere weite Teile der geplanten Vegetationsausstattung innerhalb der Bebauung noch nicht ausgeführt wurde, ist auf die weitere Entwicklung der Grün- und Freiraumplanung zu hoffen.
Quellen
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