Dächer im Boden – Bäume ohne Chance

Florian Bellin-Harder, Frank Lorberg. November 2025
Abb. 1: Bäume im Hochbeet ohne Kontakt zum anstehenden Boden und mit nachträglicher Bewässerung (Foto: Florian Bellin-Harder)

Autos, einst das Symbol der „freien Fahrt für freie Bürger“ (innen), sind schon seit Jahrzehnten nicht nur Thema durch Unfallgefahren, Lärm und Abgase (Feinstaub) sowie den Verbrauch fossiler Energie, sondern auch Gegenstand der Siedlungsorganisation (Autogerechte Stadtplanung). Im ruhenden Zustand besetzen sie Platz, der vielleicht anders genutzt werden könnte, und im Klimawandel heizen sie die Siedlungen durch Abwärme und Klimaanlagen weiter auf.

Viele denken daher über autofreie Städte nach und doch sind Kraftfahrzeuge aus Sicht der Nutzer*innen zur Distanzüberwindung in bestimmten Lebenslagen gar nicht so schlecht zu gebrauchen. (Auch Bewohner*innen ohne Auto sind auf Anlieferung der Geschäfte und Nahversorgung angewiesen.) Die Idee, zumindest die Automobile der Bewohner*innen in Quartieren zu konzentrieren und dennoch erreichbar zu halten, um die Notwendigkeit ihres Gebrauchs nicht zu ignorieren, prägt Pläne beispielsweise von Wien Aspern oder aktuell von Hamburg Oberbillwerder.

In den früher geplanten und realisierten Siedlungserweiterungen wie Hamburg Neuallermöhe (seit den 1980er Jahren) ist zu beobachten, dass auch die Gedanken, ruhenden Verkehr zu konzentrieren und den Freiräumen zu entziehen, nicht brandneu sind. Bei genauem Hinsehen am Riedberg (realisiert seit den 2000er Jahren und bis in die 2020er Jahre hinein) sind dort nicht nur Geschäfts- und Wohngebäude mit Tiefgaragen versehen, sondern diese Unterbauungen erstrecken sich auch bis hinein in benachbarte Freiräume. Merkmale im Gelände sind oberirdisch sichtbare Folien, Teerpappen und ähnliche Schutzmaßnahmen der Garagendächer sowie Entlüftungseinrichtungen in den Freiräumen sowie Zu- und Ausfahrten der Tiefgaragen. Die Straßenfreiräume profitieren nur bedingt von dieser Verlagerung des ruhenden Verkehrs unter die Erde, denn immer noch sind zahlreiche Parkplätze entlang der Fahrbahnen zu finden. Stärker als diese Reste des ruhenden Verkehrs in den Straßen macht sich aber eine spürbare Abwesenheit von Bewohner*innen bemerkbar. Wie immer ist Abwesenheit nur indirekt zu erkennen, weil etwas fehlt, das nach der gewohnten Erfahrung da sein sollte. Am Riedberg fiel irgendwann nachmittags auf, dass zwar Autos ankommen, aber trotzdem keine Personen zu sehen sind, die von Fahrzeugen zu Gebäuden gehen. Da die Autofahrer*innen, wie vom B-Plan (803) vorgesehen,  aus den überwiegend direkt unter den Gebäuden angelegten Tiefgaragen direkt in die Büros, Geschäfte und Wohnungen gelangen, sind sie im Straßenfreiraum kaum als Passant*innen sichtbar. Es sind vor allem Kinder und Personen, die sie begleiten, die in den Freiräumen deutlich in Erscheinung treten. Die meisten Autofahrenden benötigen den fußläufigen Freiraum zumindest nicht, um sich zwischen Wohnung und Zielort zu bewegen. Dadurch reduzieren sich die beiläufigen Gelegenheiten zu einem zufälligen Austausch vor dem Haus oder auf dem Gehweg. Momente der Geselligkeit und der direkten Aufmerksamkeit für das Quartier, deren Bewohner*innen und das soziale Geschehen entfallen. Damit verschwindet auch die physisch erfahrbare Lebendigkeit, die für die von der Stadtplanung gewünschte Urbanität steht. Die eigentlich dicht besiedelten Straßen veröden, und Cafés und anderem Kleingewerbe fehlt die lokale Laufkundschaft. An bestimmten Orten, wie dem Riedbergplatz mit dem Einkaufszentrum, unter dem sich ebenfalls eine Tiefgarage befindet, häufen sich dann zeitweise die Menschen, weil hier viele verschiedene Anlässe gegeben sind und auch die U-Bahn-Haltestelle angrenzt. Tatsächlich führt demnach die Unterkellerung für Autos zu stärkerer Distanz zwischen Quartiersfreiräumen, Bewohner*innen und Besucher*innen.

Abb. 2: Ein- und Ausfahrt zu Tiefgaragen in Frankfurt Riedberg. (Foto: Florian Bellin-Harder)

Im Rahmen der Exkursion zum Riedberg interviewte ein Student ausführlich Personen, die er in den Freiräumen antraf, zu ihrem Mobilitätsverhalten. Er stellte fest, dass die meisten Menschen das Auto für den Weg von und zur Arbeit benötigen und damit auch vom Riedberg nach Frankfurt oder von Frankfurt zum Riedberg nutzen.[1] Das erstrebte Ziel der Siedlungserweiterung auf dem Riedberg, durch u. a. Bildungseinrichtungen (Universität und Schulen), Nahversorgung und gute ÖPNV-Anbindung ein urbanes Quartier am Stadtrand zu schaffen und keine weitere Schlafstadt zu bauen, ist offensichtlich bisher von den Bewohner*innen nicht gänzlich realisiert worden. Relevant ist über die alltägliche Bewegung im Quartier hinaus zudem, wo Bewohner*innen sich gleichwohl im Quartier bewegen. Man begegnet ihnen nicht nur auf dem Platz, sondern auch einigen auf dem Weg von und zur U-Bahn oder zu Bushaltestellen.[2] Wege in oder am Rande der Parkanlagen werden (vor allem an Nachmittagen) genutzt, und es gibt Schul- und Kindergarten-Kinder auf ihren Wegen, wie auch aus Beobachtungen und Befragungen seitens der Studierenden hervorgeht.

Abb 3: Spielplatz ohne natürlichen Schatten. (Foto: Florian Bellin-Harder)

An anderer Stelle sind bereits die kleinklimatischen Qualitäten der Spielplätze und Grünflächen am Riedberg diskutiert worden.[3] Für heiße sonnenreiche Tage erwiesen sich die Bäume als außerordentlich relevante Ausstattungsqualität. Allerdings sind einige Bäume noch sehr klein, sodass deren künftige Qualität bei normaler Entwicklung nur eingeschätzt werden kann. Diese ist wesentlich von den Standorten abhängig, und schon jetzt ist an der Vegetation die Relevanz der Tiefgaragen für den Wasserhaushalt in den Freiräumen zu erkennen. Über Tiefgaragen gedeihen insbesondere die Bäume sehr schlecht. Obwohl die hochgelobten Klimabäume eingesetzt werden und Wassersäcke ihnen in der größten Hitze helfen sollen, die Trockenperioden zu überstehen, ist mit einer lebensfähigen Baumschicht, die das Kleinklima melioriert, dort kaum zu rechnen. Leittriebe sind, auch bei den jungen Bäumen, abgestorben. Die Belaubung erreicht selbst im Mai häufig kaum 50% Deckung und nennenswerte Zuwächse der Triebspitzen sind selten zu erkennen. Mit anderen Worten wachsen die Bäume nicht, sondern kümmern.

An Tiefgaragenzufahrten konnten Deckenhöhen im Verhältnis zur Geländehöhe abgeschätzt werden, was häufig auf maximal 1 Meter Substratauflage hinauslief, was für viele Bäume, insbesondere für deren Wurzelwerk zu gering ist. 80 bis 120 cm Höhe fallen in den Bereich der empfohlenen Auflagestärke für intensive Dachbegrünung für Kräuter und Sträucher, welche auch der B-Plan vorsieht. Für eine genauer begründete Untersuchung der Relevanz der Substratstärke für den aktuellen Baumbestand müssten die realen Auflagestärken allerdings systematisch ausgemessen werden. [4]

Abb. 4: Starke Trockenschäden an Triebspitzen von Bäumen. (Foto: Florian Bellin-Harder)

Natürlich ist in solchen Situationen für Pflanzenverwendende die Frage, wie den Bäumen geholfen werden könnte. Ließen sich vielleicht noch andere Arten einsetzen? Das Problem ist komplexer, als der erste Eindruck vermittelt. Mit der Ähnlichkeit zur Begrünung von Dächern erhebt sich auch die Frage nach der Herkunft von lebensnotwendigem Wasser. Bei Dächern ist von Beginn an die Bewässerungstechnik eine zentrale obligatorische Ausstattung. Bei 1,8 bis 2,2 m tiefem Erdreich über den Betondecken, die mit Folien und anderen Abdichtungen vor Durchfeuchtung der Garagen geschützt sind, erreichen die Bäume extremer Standorte mit ihren bevorzugten Strategien, nämlich tiefen Wurzeln, ihr Ziel nicht. Sie sind von Grundwasserlinien abgeschnitten. Flach wurzelnde Bäume wie Birken kommen auch außerhalb Frankfurts an vielen ihrer angestammten Wuchsorte kaum noch zurecht. Wasser müsste regelmäßig zugeführt werden, aber auch so dosiert, dass es nicht auf den Tiefgaragen steht, denn dann käme es zu stauendem und schließlich faulendem Wasser, was für die Bäume auch nicht zuträglich ist. Das für die Bäume günstigste Wasser, das Grundwasser, steht nicht zur Verfügung, weil es auf dem Riedberg nicht nur für die Parkdecks und den Bauvorgang abgepumpt werden musste, sondern prinzipiell in Straßen und an Gebäuden abgeführt wird. Ebendies kommt in der landschaftsarchitektonischen Inszenierung des Kätcheslachparks mehr oder minder unverhüllt zum Ausdruck und im wahrsten Sinne des Wortes in den Abfluss. Die versiegelten Flächen werden in unterirdischen Rohren zentral entwässert, wodurch der Niederschlag nicht am Ort verbleibt, um dort zur Grundwasserneubildung zu dienen.[5]

Abb. 5: (oben links) Baufeld im Bau (oben rechts): Tiefgaragenzufahrt mit erkennbarer Deckenstärke (unten): Zentrale Entwässerung im Kätcheslachpark. (Foto:Florian Bellin-Harder)

Das Prinzip des Gesamtkonzepts des Wassermanagements am Riedberg war, so zeigen unsere bisherigen Untersuchungen, auf das Problem der Wasserknappheit, kaum eingestellt. Unverdrossen bewässern die von Gebäudebesitzer*innen beauftragten Gärtner*innen- und Facility-Firmen aktuell das repräsentative öffentliche Abstandsgrün mit Leitungswasser (welches in Frankfurt bekanntermaßen schon sehr lange auf Kosten des Umlandes abgepumpt wird), während das Dachwasser im Fallrohr verschwindet. Technische Lösungen nachträglicher Bewässerung stehen vor der Wahl, ebenfalls auf (vorerst noch) verlässliches Leitungswasser zu setzen oder aber die Dachentwässerung ebenso wie die Wasserstände auf den Tiefgaragendächern technisch neu auszurüsten und deren Funktionstüchtigkeit kontinuierlich zu überprüfen. Mit der technisch kontrollierten Bewässerung sind nicht nur nachträglich hohe Kosten verbunden, sondern auch Risiken.[6] Dachwasser, das in heißen Monaten nicht zur Verfügung steht, könnte allenfalls in Zisternen überdauern, die gewöhnlich genau dort angelegt werden, wo sich jetzt Tiefgaragen befinden. Ohne nachfolgenden Regen wird demnach auch in die Freiräume gespeistes Dachwasser nicht lange helfen, um Bäume am Leben zu erhalten. Selbst also, wenn Arten noch extremerer Standorte und Klimalagen (südlich und östlich der Alpen) zum Einsatz kämen, so liefe die Vegetationsausstattung auf den unterbauten Flächen auf Kleinwüchsigkeit hinaus, wie sie z.B. aus den mediterranen Macchien bekannt sind. Deren geringe Verfügung über Wasser bewirkt die besagte Kleinwüchsigkeit, da der für das höhere Wachstum notwendige Wasserdruck in den Pflanzen mangels Niederschlag oder Grundwasser nicht aufrechterhalten werden kann.

Abb. 6: Bewässerung junger Pflanzen in einem Innenhof. Die technische Bewässerung kann durch notwendige Pflegegänge im Staudenbeet beschädigt werden. (Foto: Florian Bellin-Harder)

Wo es auf tiefgründigen Böden noch denkbar wäre, dass Anwohner*innen selbst den Bäumen in der Jungwuchsphase mit Wasser beim Heranwachsen und zur Bildung tiefgehender Wurzeln helfen, sind solche Initiativen auf unterbauten Innenhöfen nutzlos. Nicht umsonst verfielen einige der Studierenden während unserer Exkursion und des Studierendenprojekts auf die Idee, mit Kletterpflanzen kritische Freiräume zu überspannen oder jene Sonnensegel zu errichten, die schon jetzt auf Spielplätzen Einsatz finden. Sonnensegel sind aber nicht in der Lage, die kleinklimatischen Leistungen von lebenden Gehölzen zu übernehmen. Sie binden kein Kohlendioxid und spenden weder Sauerstoff, noch geben sie Feuchtigkeit ab, kühlen also den Freiraum nicht und profitieren auch nicht durch Photosynthese von der Einstrahlung. Sonnensegel sind Lösungen für Orte, an denen sonst nichts mehr hilft.

Die Erfahrungen aus dem Riedberg sind zugleich ein Fingerzeig für jene aktuellen Siedlungskonzepte, die das ruhende Auto in Mobility-Hubs unterbringen möchten und mit Geländeaufschüttungen auf hochwassersicheren Baugrund setzen wie in Hamburg Oberbillwerder und Freiburg Dietenbach. Autos in die Höhe statt in die Tiefe zu stapeln ist kostensenkend. Der Weg vom Auto-Hub zur Wohnung löst möglicherweise zugleich das Problem fehlender zufälliger Begegnung der Bewohner*innen im Freiraum. Ob die Ergänzung des klassischen Parkhauses durch begleitende soziale Infrastrukturen zu multifunktionalen Hubs eine Bereicherung für die neuen Siedlungserweiterungen sein wird, lässt sich erst nach der Realisierung überprüfen, weil es sie in dieser Form bisher kaum gibt.

Aufschüttungen sind dagegen kostenintensiv und dann sinnvoll, wenn der Baugrund nicht allein als Untergrund für Gebäude und Erschließung flächenhaft verdichtet wird, sondern auch als Boden für die spätere klimatisierende Vegetation verstanden wird. Er müsste also trotz Bebauung und Bauprozess wasserdurchlässig und wasserhaltend für die spätere Vegetation vorbereitet werden, darf z.B. in keinem Fall verdichtet oder unterbaut sein. Vegetation nicht ausschließlich als spätere Dekoration oder als anheimelnde Umgebung zu verstehen, sondern als frühzeitig einkalkulierte Notwendigkeit klimatischer Regulation und lebendiger Ausstattung auch hinsichtlich der Biodiversität und einer vielfältigen Umwelt der Bewohner*innen, wird zur Aufgabe neuer Siedlungsplanungen. Nachbesserungen an bereits stark überformten Orten wie dem Riedberg lassen dagegen bisher wenig durch Vegetation gestützte Perspektiven für ihre klimatische Zukunft erkennen. Vor allem entstehen die Kosten nachträglich, sind also nicht Teil der Vorhabenplanung, sondern allein wegen der notwendigen Anpassung zu investieren, welche vorher im heute benötigten Umfang kaum abzuschätzen war.

Endnoten:

[1] Beitrag von Luca Krull im Projektbericht.

[2] Ausarbeitung von Janina Plutz im Projektbericht.

[3] S. Blog Bellin-Harder, Lorberg 2025: „Schattensuchen am Riedberg“.

[4] Auch diese Fragen zur Substratauflage, Durchwurzelung und Eignung für bestimmte Bepflanzungen wurde in dem Studienprojekt aufgegriffen und von Studierenden bearbeitet.

[5] Eine Ausnahme bilden die in den letzten 4 Jahren fertiggestellten Freiräume der Allee an der Römischen Straße, deren Oberflächenniveau z. T. unter dem der angrenzenden Verkehrserschließung liegt, was eine Versickerung ermöglicht. Inwiefern darin bereits ein Umdenken zum Ausdruck kommt, bleibt noch zu prüfen.

[6] Bekannt sind Stromausfälle bei bewässerten Fassadenbegrünungen oder Living Walls.