
Wir sind zurück von unserem Feldaufenthalt in München-Freiham, einem suburbanen Stadtteil im Westen der Stadt. In den zwei Wochen, die wir im Juli vor Ort waren, haben wir uns intensiv mit der Perspektive der Bewohner*innen beschäftigt. Diese Feldforschung ist Teil eines größeren Projekts, das sich mit der Frage nach der Vereinbarkeit von Erwerbs- und Sorgearbeit in suburbanen Stadtteilen beschäftigt.
In Freiham angekommen, waren wir beeindruckt mit welcher Schnelligkeit dieser Stadtteil in die Höhe und in die Fläche wächst. Einige Gebäude wurden seit unserem letzten Besuch im Herbst 2024 errichtet oder fertiggestellt, am ZAM (Stadtteil- und Einkaufszentrum) wurden große Fortschritte gemacht und zwischen den Tätigkeiten der Baustelle passiert ganz viel Alltag von Bewohner*innen. Und genau das ist der inhaltliche Schwerpunkt unseres aktuellen Arbeitspakets. Nach unseren Interviews mit Planer*innen und Akteur*innen in Hamburg-Oberbillwerder, Frankfurt-Stadtteil der Quartiere und München-Freiham, fokussieren wir nun die Sicht der Bewohner*innen auf Suburbanität und Vereinbarkeit. Mittlerweile leben schon mehrere Tausend Menschen in dem suburbanen Gebiet im Westen Münchens. In Form von Beobachtungen, Gesprächen und Interviews möchten wir ihren Alltag verstehen. Wir forschen hier qualitativ, das heißt, dass wir mit einem kleinen Teil der neuen Bewohner*innen intensiv sprechen und darüber das Leben in Freiham tiefergehend verstehen wollen.

Wir haben direkt in Freiham in einem Hotel übernachtet, um den Stadtteil zu verschiedenen Tageszeiten zu erkunden und einen Überblick über die verschiedenen Räume und Orte zu gewinnen. Dies hat uns ermöglicht ein kleines bisschen in das Alltagsleben der Freihamer*innen einzutauchen.
In Bezug auf unsere Fragestellung nach Vereinbarkeit von Erwerbs- und Sorgearbeit (mehr hier) sind im Stadtraum zwischen den Baustellenfahrzeugen Eltern zu beobachten, die im morgendlichen Gewusel ihre Kinder vor dem Job zur Kita oder Schule bringen. Vormittags schieben Mütter (ja, meist sind es unseren Beobachtungen nach Frauen) Kinderwägen durch das Grünband. Nachmittags sind Eltern oder Großeltern auf Spielplätzen mit kleineren Kindern anzutreffen – Gruppen älterer Kinder oder Jugendlicher bewegen sich, oft mit Rädern, aber auch zu Fuß, selbstständig im Stadtraum. Pflegende Personen begleiten Angehörige durch den Stadtteil. Einige Alltagsmuster sind bei Beobachtungen in Freiham schnell zu erkennen und gleichzeitig bekommen wir, in den zwei Wochen, die wir vor Ort sind, lediglich einen kleinen Einblick in das Leben vor Ort.

Vieles zum gelebten Alltag von Menschen mit Sorgeverantwortung erfahren wir in Interviews. Hier wird uns von Herausforderungen und Hürden berichtet, vom Einziehen und Ankommen, von Nachbarschaft, Gemeinschaft aber auch von Sorgen, Konflikten und individuellen Bewältigungsstrategien. Die Genossenschaften scheinen wie kleine Inseln in Freiham zu sein: in den Innenhöfen spielen Kinder, gemeinschaftlich genutzte Räume bieten Möglichkeiten der Begegnung und die Nachbar*innen kennen und schätzen sich. Wir erfahren viele Aspekte, sowohl Details aber auch übergeordnete und strukturell bedingte Zusammenhänge, zu der Frage nach alltäglichen Geographien und gelebten Praktiken der Vereinbarkeit von Familien in München-Freiham.
Insgesamt haben wir unsere Feldforschung in München-Freiham als sehr produktiv und ermutigend empfunden. Wir freuen uns darauf, unsere Ergebnisse weiterzuverfolgen und sie in die vielfältigen Erkenntnisse der Forschungsgruppe „Neue Suburbanität” zu integrieren. Als nächster Schritt steht die ausführliche Auswertung des Materials an sowie die Gegenüberstellung mit der Planungsperspektive auf suburbane Räume und Vereinbarkeit.

Ganz viele Grüße und ein herzliches Dankeschön schicken wir insbesondere allen, denen wir in Freiham begegnet sind und die sich uns anvertraut haben und ihre Sichtweise geteilt haben – mit eurer Hilfe haben wir nun die Möglichkeit, der Frage wie Menschen in Freiham (Un)Vereinbarkeit von Erwerbs- und Sorgearbeit leben, ein ganzes Stück näher zu kommen.
Für einen tieferen Einblick in unsere Auswertung, inwieweit Planung und Wirklichkeit an einigen Stellen in Freiham auseinanderdriften und wo der gelebte Alltag die Planungsstrategien aufgreift, und erweitert, welche Rolle Genossenschaften als Vorreiter*innen in der Vereinbarkeit und was strukturelle Bedingungen wie Fachkräftemangel und Kassensitze von Ärzt*innen damit zu tun haben – dazu bald mehr.
Nun, einige Wochen später sind wir mitten in der Auswertung. Um die Eindrücke des Aufenthalts kurzfristig mit euch teilen zu können, geben wir euch hiermit aber schon einen kleinen Eindruck und schicken Grüße aus dem Münchener Stadtrand. Wir freuen uns über Kommentare und Kontakte zu diesem Thema! Für Fragen rund um Vereinbarkeit, Erwerbsarbeit und Sorgearbeit in suburbaner Stadtplanung sind wir gern ansprechbar.
