Expedition Suburbia – Datenerhebung mit Kindern als Co-Forscher*innen im suburbanen Raum

Sarah Friedel, Tilmann Teske. Juni 2026

Es ist Anfang Dezember, der Winter ist noch mild und die Sonne geht schon langsam unter. Nach monatelanger Vorbereitung starten wir die Datenerhebung mit den Kindern, um ihre in unserer Forschung bislang unterrepräsentierte Perspektive zu erfassen. Ausgestattet mit Handscheinwerfer, Sofortbildkameras, mit Plastikbeuteln für Fundstücke und einem Mikrophon streifen wir mit einem Dutzend 7-, 8-, 9- oder 10-jähriger Kinder durch das Halbdunkel eines deutschen suburbanen Neubaugebiets. Sie erzählen, machen Fotos, stellen und beantworten Fragen, leuchten mit dem Scheinwerfer wild in der Gegend herum oder rennen mit uns einfach um die Wette. Noch im Kindertreff hatten wir gemeinsam mit den Kids Orte identifiziert, die wir nun zusammen aufsuchen. Ganz vorneweg die Eisdiele – eines der Epizentren ihrer suburbanen Lebensrealität, wie wir erfahren. Nachdem uns die Lieblingseissorten vieler Kinder bekannt sind und zum fünften Mal die Frage nach einer Kugel Eis gestellt wird, steuern wir das nächste Ziel, den Grünzug zwischen Neugebautem und alteingesessener Bebauung an.

Abb. 1.: Die Kinder durchforsten mit uns ihre Freiräume vor Ort

Im Teilprojekt Drei forschen wir zur Nutzung und Aneignung wohnungsnaher Freiräume durch Kinder und Jugendliche im Alter von 7 bis 13 Jahren. Während wir zu einem früheren Zeitpunkt die planerische Perspektive auf kindgerechte Freiräume durch Gespräche mit gestaltenden Planer*innen aus Stadtplanung, Architektur, Landschaftsplanung und -architektur beleuchtet haben, liegt der Fokus eines Workshops im Dezember 2025 auf der Sichtweise der Kinder selbst. Im Rahmen des Studienprojekts Not Your Playground am Institut für Stadt- und Regionalplanung an der Technischen Universität Berlin erarbeiteten wir gemeinsam mit Studierenden im Wintersemester 2025/26 einen Workshop, bei dem uns Kinder als Co-Forscher*innen ihre Sichtweise auf suburbane Freiräume schilderten.

Mit Blick auf Haraways Konzeption von situiertem Wissen (Haraway, 1988) und den Ansatz von Fattore et al. (2012), die Expertise von Kindern in den Forschungsprozess zu integrieren, sehen wir Kinder als Co-Forscher*innen mit spezifischen Kenntnissen sowie besonderen Bedürfnissen und Vorstellungen. Auf Grundlage dieser Theorien beschäftigten wir uns kritisch mit der eigenen Perspektive als erwachsene (angehende) Planer*innen zur Vorbereitung der Datenerhebung mit den Kindern.

Während wir durch den Grünzug streifen, schauen wir uns die Orte der Kinder an. Es scheint, als hätten sie Freude daran, über ihre Orte zu berichten und mit dem Mikrophon oder den Sofortbildkameras zu hantieren. Es kommt immer wieder zu spielerischen Momenten.  Beim Laufen beginnen wir zum Beispiel plötzlich, unsere Schrittlänge zu messen, was in eine Art Wettrennen mit großen Schritten ausartet. Wir lachen und es scheint, als hätten die Kids eine gute Zeit. Auf dem Rutschenspielplatz dürfen alle Kinder einmal rutschen, mit dem Handscheinwerfer vor dem Rutschenausgang macht es ihnen gleich noch mehr Spaß. Bei einer anderen Tour starten die Kinder das Spiel „Der Boden ist Lava“. Alle – uns Erwachsene eingeschlossen – müssen die Füße vom Boden nehmen, sobald eines der Kinder ruft. Wir springen auf Poller, Begrenzungsmauern oder den großen goldenen Findling in der Quartiersmitte auf unserem Weg zum Skatepark.

Die Datenerhebung fand im Rahmen eines dreitägigen Workshops statt, in dem die Kinder sich spielerisch mit der Bearbeitung der Fragestellung des Forschungsprojektes beschäftigten. Unser Ziel war es auch, bei dem Workshop eine entspannte und möglichst vertrauenserweckende Atmosphäre herzustellen. Die Kinder sollten sich wohlfühlen und vor allem richtig Spaß haben bei den Aktivitäten. Ein solches Angebot kann jedoch nur in enger Kooperation mit bestehenden Kinder- und Jugendeinrichtungen vor Ort funktionieren. Wir konnten im Quartier fest verankerte Einrichtungen finden, die bereit waren, uns bei dem Workshop zu unterstützen und Räumlichkeiten zur Verfügung zu stellen (siehe Abb. 2).

Abb.2: Der Aufsteller vor der Einrichtung weist auf unseren Workshop hin.

Im Rahmen der Ausarbeitung mit den Studierenden wurde der Workshops in vier Stationen eingeteilt. Diese ermöglichten den Kindern, je nach Interesse und Motivation, in unterschiedlicher Form an der Datenerhebung teilzunehmen und gleichzeitig auch einen Einblick in das Forschen an einer Universität zu gewinnen. Die Expedition wurde außerdem an den Einsatz eines interaktiven Mapping-Toolkits gekoppelt, das verschiedene Stationen verknüpft und vielfältige Zugänge für unterschiedliche Altersgruppen und Interessen schafft. Zentral war dabei der Einsatz einer großen Karte (2 x 2 Meter), auf der die Informationen zusammengetragen werden konnten (siehe Abb. 3).

Abb. 3: Arbeiten an der großen Karte.

Als Einstieg und für das gemeinsame Kennenlernen starteten die Kinder im Forschungslager. An dieser Willkommens-Station erfassten die Kinder selbstständig auf einem Forschungspass Angaben zu ihrem Geschlecht und Alter, außerdem wählten sie ein eigenes Pseudonym – mit diesem selbstgewählten Forschungsnamen blieben sie anonym. Der Forschungspass half später dabei, nachzuverfolgen, welche Stationen die Kinder bereits besucht hatten – denn auf der Rückseite wurde für jede absolvierte Station ein Stempel eingetragen. Durch die Willkommens-Station wurden alle notwendigen demographischen Angaben erhoben; gleichzeitig wurden die Kinder in einem persönlichen Gespräch über ihre Rechte und den Datenschutz aufgeklärt.

Verschüchtert nähert sich das erste Kind der Station – auch wir sind etwas nervös, versuchen uns aber nichts anmerken zu lassen. „Hey, hast du Lust mitzumachen?“ Währenddessen gehen wir auf die Knie und begeben uns damit auf Augenhöhe der Kids. Wir erklären kurz, worum es geht und scheinen dabei Interesse bei dem Kind zu wecken. Um die Anonymität zu wahren, bitten wir das Kind, seinen Klarnamen nicht zu nennen. Stattdessen soll es sich einen ausgedachten Forschungsnamen wählen. Das Kind schreibt „Rumi“ auf den Forschungspass, kreuzt „Junge“ und „7-9 Jahre“ an. Wir erklären Rumi, dass er die Fragen nicht beantworten muss, die im Laufe der Aktion gestellt werden. Wenn Rumi keine Lust mehr hat oder etwas keinen Spaß macht, dann kann er auch einfach mit der Station oder mit dem Gespräch aufhören. Er muss auch nicht erzählen, was er nicht erzählen möchte. Zum Abschluss der Station erklären wir Rumi, dass wir Fotos machen werden, aber auch, dass wir dafür sorgen, dass sein Gesicht darauf nicht zu erkennen ist, und dass, wenn er gar nicht auf Fotos auftauchen möchte, wir keine von ihm machen werden.

Nachdem die Kinder ihren Forschungspass erhalten hatten, durften sie auf der großen Karte markieren, welche Orte ihnen gefallen und welche ihnen nicht so gut gefallen – dafür wurden ihnen lachende und weinende Smiley-Sticker ausgehändigt (s. auch Abb. 2).

Nachdem die erste Station absolviert war, wählten die Kinder aus den drei weiteren Stationen eine aus, an der sie die Expedition fortsetzen wollten. In der Kreativwerkstatt malten, zeichneten und bastelten die Kinder anhand vorgegebener Themen („Lieblingsorte“, „Lieblingsaktivität“, „blöde Orte“, „Geheimorte“, etc.), wie sie den Freiraum in ihrer Nachbarschaft nutzen. Im Gespräch über ihre Mal- und Bastelarbeiten erfuhren wir, welche Orte die Kinder wie und warum aufsuchen, oder warum sie lieber nicht an bestimmte Orte gehen, sie meiden oder sich dort nicht wohlfühlen.

Abb. 4: Teddys Lieblingsort auf dem Rutschenspielplatz in Freiham

Nach einer kurzen Einführung durch eine der Studierenden setzt sich Teddy an den Tisch im Feierwerk und malt vor sich hin. Sie hat das Thema Lieblingsort gewählt und malt, wie sie ihrer Freundin ein Versteck am Rutschenspielplatz zeigt. Nachdem Teddy das Bild fertiggestellt hat, sprechen wir gemeinsam darüber. Sie erzählt, dass sie sich dort gern zurückzieht, weil es dort „privat“ ist. Sie mag den Ort, weil er gemütlich und sauber ist – meist zieht Teddy sich dorthin zurück, um zu lesen, um einfach zu spielen und manchmal auch zum Hausaufgaben Machen. Dass ihr Lieblingsort so nah an ihrem Wohnort liegt, macht ihn auch attraktiv, weil sie schnell dort sein kann.

Die nächste Station brachte die Kids raus an die frische Luft – während der City Tour erkundeten wir gemeinsam die Freiräume des Quartiers. Mit einer Handvoll Fragen, z. B. „Wo würdet ihr eure Freund*innen hinführen, wenn sie zu Besuch sind?“, aber auch „Wo würdet ihr sie lieber nicht hinführen?“ starteten wir in der jeweiligen Einrichtung. Erste Orte wurden ausgewählt und auf einer Karte markiert und dadurch eine Route für die City Tour festgelegt. Anschließend durften sich die Kinder unterschiedlichen Rollen zuordnen: Es gab ein Team Fotos, das alles fotografierte, was ihnen gefiel oder was ihnen nicht gefiel. Das Team Souvenirs sammeln befüllte Plastiktüten mit Fundstücken, also mit Dingen, die sie als relevant für den Ort erachteten oder andere Bedeutungen für die Kinder hatten (Abb. 5). Mit dem Mikrophon befragte das Team Interview die anderen dazu, was den Ort ausmacht, warum sie ihn gewählt hatten und wer ihn im Alltag wie nutzt. Team Navigation führte die Gruppe anhand der gemeinsamen Karte durch das Quartier, während Team Licht Gegenstände und Orte mit einem Handscheinwerfer ausleuchtete, um sie zu fotografieren und in der Gruppe zu besprechen. Nachdem die Rollen verteilt waren, starteten wir mit der Tour. Alle Kinder waren mit einem Knicklicht um das Handgelenk ausgestattet – einfach nur weil sie im Dunkeln so schön leuchten. Die Kinder hatten Spaß dabei, Orte zu besuchen und darüber Fragen zu beantworten oder sich neue auszudenken, Fotos zu machen und Kies, Sand oder Süßigkeiten-Papier in Plastiktüten zu füllen. Zurück in der Einrichtung wurden alle Fotos und Fundstücke auf der großen Karte markiert, und in einem Gruppengespräch berichteten die Kinder über die City-Tour.

Während der Tour erzählt uns Mr. Gummi von einem seiner Lieblingsorte – dem lustigen Graben – den wir daraufhin ansteuern. Bei dem Graben handelte es sich um eine Geländemulde (zur Regenwasserretention) im Boden. Dort angekommen, wird Mr. Gummi von Lucky Luke zu seinem Lieblingsort interviewt:

 Lucky Luke: Was tun Sie hier so gerne?

 Mr. Gummi: Also ich hänge hier ab, weil es mir Spaß macht, und im Winter rasen wir hier runter, weil es viel Schnee war … ja.

 Lucky Luke: Mit wem bist du hier?

 Mr. Gummi: Also ich bin mit meinen Freunden hier und mit meiner Schwester im Winter und es war auch spaßig, weil wir machen hier Schneeballschlachten. […] Das macht richtig Spaß hier so Schlitten zu fahren. Das ist auch kurz und nicht langweilig.

Abb. 5: Gesammelte Fundstücke vom „lustigen Graben“

Bei der vierten Station wurde es kulinarisch. Während des Waffel-Talks durften sich die Kinder Fragen von einem Stapel aussuchen und dabei frisch gebackene Waffeln naschen. Die Fragen deckten ein vielfältiges Themenspektrum ab, dem die Kinder in ihren suburbanen Lebenswelten begegnen. Es wurden Fragen gestellt zu spezifischen Orten wie dem Schulhof, zu Aktivitäten während der unterschiedlichen Jahreszeiten, ob die Kinder mit dem Fahrrad oder zu Fuß unterwegs sind oder mit bzw. ohne ihre Eltern.

Während zwei Kinder schon ungeduldig auf die nächsten Waffeln warten, setzt sich ein weiteres Kind auf einen der freien Sitzsäcke in der Mitte des Raumes. Diese stehen bunt zusammengewürfelt um einen kleinen Tisch, auf dem sich, neben einem Mikrofon, ein Stapel laminierter Karten befindet. „Wenn du möchtest, kannst du gerne eine Karte ziehen und die Frage darauf beantworten. Wenn dir die Karte nicht gefällt, zieh einfach eine neue“, sagt der Student, der den Waffel Talk betreut. Mit puderzuckerüberzogenen Fingern greift die Turnerin nach der ersten Karte und liest vor:

Die Turnerin: Was sind deine Hobbies und wo machst du die? Also meine Hobbies sind Turnen und ich mach sie in einem Verein […].

Student: Wie kommst du da hin?

Die Turnerin: Mit dem Fahrrad oder zu Fuß. Also es dauert so 10 Minuten von hier.

Student: Also darfst du da auch allein hin, ohne deine Eltern?

Die Turnerin: Also ich gehe mit Freunden.

Student: Aber es ist ja auch mal ganz schön, so allein unterwegs zu sein, ohne Eltern?

Die Turnerin: Also ich trau mich das nicht, weil wir haben halt sehr spät und dann abends muss ich dann sonst im Dunkeln halt allein nach Hause.

Abb. 6: Das Reflexionsplakat für die Kreativwerkstatt mit diversen Emojis zur Evaluation der Station

Nach drei Tagen neigte sich der Workshop dem Ende zu. Die großen Karten in den beiden Kinder- und Jugendeinrichtungen vor Ort waren übersät mit Smiley-Stickern, Fotos und Fundstücken der Kinder – ein buntes, lebendiges Abbild ihrer Lebenswelten. Ein zunächst noch etwas diffuses Bild des suburbanen Alltags der Kinder, das wir gemeinsam mit ihnen zusammengetragen hatten, verdichtet sich langsam.

Deutlich wurde dabei: Natürlich spielt Freiraum eine zentrale Rolle in ihrem Alltag. Er kann zum riskanten Spielen und Abenteuer erleben einladen, Rückzugsort und Schutzraum sein, Begegnungen und Interaktion ermöglichen aber auch Ängste schüren. Dort können die Kinder laute und leise sein, aktive und ruhige Momente erleben, ob mit Eltern, Freund*innen oder Geschwistern. Die Kinder äußerten auch konkrete Hinweise zu bestehenden Planungen: Eine Mobilitätsachse mit vorbeiradelndem Fahrradverkehr direkt an der Grundschule empfanden sie als störend. Beim Spielplatz wussten sie genau, worauf es ankommt: Sand ist beim Schaukeln eindeutig besser als Kies.

Durch die vier Stationen und den intensiven Austausch mit den Kindern wurden uns ihre Lebenswelten im suburbanen Neubaugebiet zunehmend greifbar –  die Kinder begegneten uns und unseren Fragen mit großer Offenheit und Neugier.

Zum Abschluss baten wir sie um Rückmeldung. Mithilfe kurzer Reflexionsplakate mit veschiedenen Emojis konnten die Kinder durch das Aufkleben bunter Punkte ihre Stimmung zur jeweiligen Station ausdrücken (s. Abb. 6). In kurzen Gesprächen erfuhren wir, dass ihnen die Angebote Spaß gemacht hatten.

Besonders in Erinnerung blieb die Rückmeldung von Mr. Gummi, der sich während des gesamten Workshops besonders engagiert eingebracht hatte. Am Ende sagte er uns, dass er sich freue, auch als Kind mit seinen Perspektiven ernst genommen zu werden – bei Themen, die sonst meist unter Erwachsenen verhandelt werden.

Literatur:

Fattore, T., Mason, J., & Watson, E. (2012). Locating the Child Centrally as Subject in Research: Towards a Child Interpretation of Well-Being. Child Indicators Research, 5(3), 423–435. https://doi.org/10.1007/s12187-012-9150-x

Haraway, D. (1988). Situated Knowledges: The Science Question in Feminism and the Privilege of Partial Perspective. Feminist Studies, 14(3), 575. https://doi.org/10.2307/3178066