An zwei Tagen im Juli und August führte ich Erkundungen in den Freiräumen eines suburbanen Stadterweiterungsgebiets durch, welches wir im Zuge unserer Teilprojektforschung näher betrachten. Dabei konnte ich einen ersten Einblick gewinnen, wie die neu geplanten Freiräume genutzt werden, welche Räume sich Kinder und Jugendliche, insbesondere große Kinder zwischen 7 und 13 Jahren, aneignen und welche Rolle den Spielgeräten zukommt.
Letzter Schultag – 31. Juli | 16:00 – 18:30 Uhr
Man kann es an den freudigen Gesichtern der Kinder ablesen, dass heute der letzte Schultag vor den lang ersehnten Sommerferien ist. Als ich mit der S-Bahn ankomme, tummeln sich verschiedene Grüppchen von Kindern und Jugendlichen am Gleis oder am zentralen Platz (siehe Abb. 1). Das graue Wetter lädt zwar nicht direkt zum Eisessen ein, dennoch ist die Schlange vor der Eisdiele lang. Es ist bereits Nachmittag, und aufgrund des unbeständigen Wetters suchen einige Jugendliche Zuflucht in verschiedenen Fast-Food-Restaurants. Wieder andere flanieren von Schuhgeschäft zu Modegeschäft.

Um dem leichten Nieselregen zu entkommen, läuft eine Gruppe junger Teenager mit Hugo und Fastfood zu einer überdachten Stelle und lässt sich auf den Treppenstufen nieder. Gleichzeitig holen Eltern Kleinkinder von der Schule ab und begeben sich auf den Nachhauseweg. Eine Ecke weiter liegt ein Skatepark, der trotz vorheriger Regenschauer gut besucht ist (siehe Abb. 2). Es wirkt so, als findet dort ein Workshop des lokalen Jugendclubs statt, da um die zehn männlich gelesene Kinder mit Skateboard, BMX-Rad oder Roller ihre neuen Tricks ausprobieren und ein Erwachsener aufpasst. Die einzigen weiblich gelesenen Kinder sitzen daneben und naschen ihr Eis. Ob sie wohl auch Lust hätten, mitzumachen?

Ich lasse den Skatepark hinter mir und laufe in die Richtung des Wohnquartiers. Nach einem kurzen Fußweg begegnen mir einige Kinder im Grundschulalter, die Teil einer Nachmittagsbetreuung sind und ihre Bahnen auf Rollerblades über den Asphalt ziehen. Noch jüngere Kinder flitzen mit Rollern durch die Innenhöfe oder jagen sich lachend beim Fangen. Manche hangeln sich spielerisch an den Fahrradständern entlang, als würden auch diese Alltagsobjekte selbstverständlich zu einem Bewegungsparcours gehören. In der Nähe eines Wasserspiels sitzt eine Mutter auf einer der neuen Betonbänke und ruht sich mit ihren Kleinkindern aus, während zwei Jugendliche augenscheinlich ihr jüngeres Geschwisterkind begleiten.
Inventarisierung
Parallel zu den Feldbeobachtungen wollen wir im Rahmen einer Inventarisierung der formalen Spielräume die wohnungsnahen Freiräume für Kinder in den Stadterweiterungsgebieten systematisch erfassen und analysieren. Sie soll die im Vorfeld durchgeführten Raumanalysen und Interviews mit Planer*innen sowie weiteren Akteur*innen suburbaner Quartiere ergänzen. Mit der Inventarisierung liegt der Fokus auf den Wechselbeziehungen zwischen formalen Spielräumen und der Raumaneignung durch die Kinder. Zur Hand waren dafür eine ausgedruckte Karte und ein Tablet mit vorgefertigter Excel-Liste, um die vielseitige Spielraumplanung, ihren aktuellen Zustand sowie weitere Charakteristika direkt in die Inventarliste zu übertragen.
Ich konnte über zweihundert Spielmöglichkeiten aufnehmen, von Kletterlandschaften mit Boulderwänden und einem Spielplatz mit dem Fokus auf Rutschen auf einer bewachsenen Anhöhe bis hin zu einer Vielfalt an Wipp-Objekten in Form von abstrahierten Tieren oder geometrischen Formen. Aus der Zusammenschau der einzelnen Fragmente entstand ein vielschichtiges Bild der von der Planung bereitgestellten Spielsituationen des Quartiers. Um diese Bandbreite systematisch greifbar zu machen, wurden die Spielmöglichkeiten einzelnen Kategorien zugeordnet. Sie wurden detailliert nach Material (Holz, Metall, Kunststoff und Beton) sowie nach Größe und Bodenbeschaffenheit (Erde, Kies, Sand, Asphalt, Holz und Gummifliesen) sortiert. Auch der Sichtschutz spielte eine Rolle, da manche Spielplätze im Innenhof oder Grünstreifen errichtet waren und damit manchmal von allen Seiten einsehbar oder durch Büsche abgeschirmt wurden. Schließlich dokumentierte ich den Zustand der Spielmöglichkeiten, also ob sie neu, alt, abgenutzt oder beispielsweise durch Graffiti und Sticker angeeignet waren. Die strukturierte Bestandsaufnahme im Rahmen der Inventarisierung ermöglicht als dichte Momentaufnahme des Stadtteils einen tieferen Einblick in die Nutzung von Spielmöglichkeiten.

Montagmittag in den Sommerferien – 18. August | 11:30 – 14:30 Uhr
Ein sonniger Montag in den Sommerferien, 26 Grad. Erwachsene erledigen ihre Einkäufe, Bauarbeiter*innen bewegen sich zwischen den Absperrungen und Familien überqueren den zentralen Platz. Kurz tauchen zwei Teenager auf und verschwinden mit der Rolltreppe im Einkaufscenter. Unsere Zielgruppe, die großen Kinder, bleibt vorerst unsichtbar. Der Platz scheint weniger ein belebter Treffpunkt zu sein, sondern mehr als Transitraum zu fungieren.
Erst als ich beim Skatepark ankomme, tauchen große Kinder auf. Das Surren von Rollern auf Beton, das Klacken beim Aufsetzen in der Halfpipe – vier Kinder fahren mit Helm und Knieschonern, üben Tricks, stürzen und stehen wieder auf. Eine Aufsichtsperson filmt einzelne Fahrten und passt aktiv auf, indem sie den Kindern aufmerksam zuschaut, während eine ältere Person auf der nächsten Bank nur ab und zu von ihrer Zeitung aufschaut. Die Kinder bewegen sich selbstständig, performen ihre Tricks oder versuchen, ihre Balance zu halten. Kurz löst sich die Gruppe auf, die Helme werden abgesetzt und drei der vier Kinder machen gemeinsam bei den zwei Aufsichtspersonen Pause. Eine schaut sich den Roller des anscheinend jüngsten Kindes an, da das Gefährt bei Tricks des Öfteren durch die Luft geflogen ist. Nach ungefähr fünf Minuten und einer kurzen Stärkung fangen die Kinder langsam wieder an, sich ihre Schutzausrüstung anzuziehen und mit ihren Rollern Kreise zu ziehen. Während dieser Pause hat sich das vierte Kind auf der anderen Seite niedergelassen und sich ebenfalls kurz ausgeruht. Die Stimmung wirkt ausgelassen, und auch das Kind, welches vermutlich allein vor Ort ist, wird von den anderen gemeinschaftlich in Spiele und das Üben von Tricks integriert.
Als ich zum nahegelegenen Sportplatz laufe, verblassen die Surr- und Klackgeräusche des Skateparks langsam. Die Sportflächen sind mit circa fünf Meter hohen Zäunen umgrenzt. Es findet kein Training statt, und es sammelt sich lediglich eine Gruppe von Kindern im Grundschulalter vor der Sporthalle. Sie halten ihre Sporttaschen und warten darauf, dass ihnen aufgesperrt wird. In dem Moment fährt eine erwachsene Person auf dem Fahrrad mit Zwillingen vorbei. Die beiden radeln selbstständig neben ihr, halten die Spur und machen einen größeren Bogen um die wartenden Kinder. Man merkt, dass sie sich hier sicher bewegen. Während sie an den abgesperrten Sportplätzen vorbeifahren, dreht sich eines der beiden Kinder leicht zu der begleitenden Person um und sagt, „Das ist hier schön.“ Darauf wird erwidert: „Ich finde auch, dass das hier alles sehr schön geworden ist.“

Von den Sportstätten ausgehend setze ich meinen Rundgang durch die Abfolge der zusammenhängenden Innenhöfe fort. Vereinzelt sehe ich Eltern einen Kinderwagen vorbeischieben oder betreute Kleinkinder an Schaukeln und Rutschen. In einem Innenhof sehe ich Erwachsene an Hochbeeten um einen Maibaum gärtnern (siehe Abb. 5). Girlanden verbinden die außenliegenden Stahltreppenhäuser, und am Boden lassen sich Spuren von Kreide erkennen. Der Wohnblock ist kleinteilig strukturiert und öffnet sich nach außen, wodurch der Innenhof räumlich differenzierter wirkt als die anderen und ruhige Rückzugsräume bildet, die sich durch die Platzierung der Gebäude ergeben. Eine weitere Zone wird durch ein eingelassenes Wasserbecken aufgespannt, welches den Eingangsbereich einer gemeinschaftlichen Werkstatt betont.

Zwei Jugendliche ziehen mit ihren Mountainbikes Kreise neben den Erwachsenen. Der eine ruft dem anderen zu: „Ich bin schneller!“. Daraufhin verlassen sie den Innenhof in Form eines spontanen Wettrennens in rasanter Geschwindigkeit.

Viele der großen Kinder, die ich beobachte, bewegen sich mit Fahrrädern, City-Rollern oder E-Rollern durch das Quartier (siehe Abb. 6). Es zeigt sich, dass die Grünstreifen, die verkehrsarmen Straßen und die Innenhöfe einen sicheren Fortbewegungsraum abseits von Autoverkehr und Hauptstraßen bilden. Mir fällt auf, dass die Spielplätze von Familien mit Kleinkindern genutzt werden, während sich ältere Kinder viel dazwischen bewegen.
Eine Ausnahme bilden zwei Kinder, die in einer Hollywoodschaukel liegen. Daneben stehen ihre Fahrräder, die Helme hängen am Lenker. Es wirkt, als seien sie Geschwister, und der kleine Bruder schaut seiner Schwester aufmerksam zu, wie sie ihr Handy bedient. Der Spielplatz dient hier weniger als Bewegungsraum, sondern als Ort für den medialen Rückzug in der Mittagshitze. Auf meinem Weg zurück zur S-Bahn überholen sie mich mit ihren Fahrrädern. Beide haben ihren Helm auf.
Inventarisierung
Nach meinem Besuch an diesem Montagmittag entsteht ein konkreteres Bild der zuvor inventarisierten Spielräume. Die Nutzung der Spielgeräte in den Ferien zeigt, dass vor allem ältere Kinder diese Orte punktuell ansteuern und sich die Aktivitäten weniger an der geplanten Nutzung der Spielgeräte orientieren. Während auf den Spielplätzen primär Kleinkinder anzutreffen sind, nutzen die älteren Kinder ein breites Spektrum an Orten – vom Spielplatz und dem öffentlichen Skatepark bis hin zu Grünstreifen oder Innenhöfen. Dabei fällt auf, dass sich die Kinder selbstständig vor Ort bewegen und sich die Räume zwischen den formellen Spielflächen aneignen. Mir erscheint es so, als schaffe die Reduktion des Autoverkehrs unmittelbar Freiräume für die Kinder. Das Fangenspielen, die spontanen Fahrradrennen oder Kletterparcours entlang der Fahrradständer machen dies deutlich. Spielplätze werden auf natürliche Weise in die neu erschlossenen Räume integriert, und so ergibt sich ein Netz an Spielmöglichkeiten zwischen formalen und informellen Freiräumen.
Die systematische Erfassung der Spielelemente zeigt, dass es ein vielfältiges Spielangebot gibt. Kletterwelten, Balancierangebote, Rutschen, Wippen und unterschiedliche Bewegungsmodule ergeben ein luxuriöses Angebot für die jungen Anwohnenden der neuen Stadtquartiere. Die erfassten Spielmöglichkeiten, differenziert nach Material, Bodenbeschaffenheit und Einsehbarkeit, versprechen eine hohe Aufenthaltsqualität.

Die fotografische Dokumentation (siehe Abb. 7) zeigt die Spielräume in verschiedenen Situationen, unter einem Sonnensegel in einem zugewachsenen Innenhof (A), gut einsehbar zwischen den Wohngebäuden (B), in der Blickachse entlang des Grünstreifens (C) oder durch Böschungen umrahmt (D). Während manche Spielmöglichkeiten bereits vollständig im Gefüge der Nachbarschaft integriert sind, stechen andere hervor. Die gepflanzte Vegetation wird über die nächsten Jahre bestenfalls die Spielplätze räumlich einfassen und somit auch mehr Sonnenschutz bieten. Viele Bäume sind gegenwärtig jedoch noch jung und bieten in der Sommerhitze nicht den gewünschten Schatten. Dadurch blieben einige Spielmöglichkeiten während meiner Streifzüge leer, und Eltern ruhten sich an schattigen Stellen nahe der Wohngebäude aus.
Fazit
Durch das Fotografieren, Aufschreiben und Beobachten von Aktivitäten, Räumen und einzelnen Situationen konnte ich mich dem Ort auf verschiedene Weise nähern. Der parallele Prozess der Feldbeobachtung und der Inventarisierung ermöglichte es mir, die Alltagswelten der Kinder sowie die planerischen Intentionen der Gestalter*innen kennenzulernen und damit ein detailliertes Bild einer suburbanen neuen Nachbarschaft zu zeichnen.
Nach der Aufnahme der formalen Spielmöglichkeiten, der Beobachtung suburbaner Alltagssituationen und unserer Inventarisierung eröffnen sich neue Fragen statt konkreten Ergebnissen, an welche wir im Teilprojekt Drei anknüpfen möchten. Im weiteren Verlauf wollen wir herausfinden, wie große Kinder aus ihrer eigenen Perspektive ihren Freiraum im Alltag wahrnehmen und bespielen: Welche Aktivitäten üben sie dort aus? Welche Räume meiden sie – sei es aus einem fragilen Sicherheitsgefühl, aus sozialen Ängsten oder aus einer nicht einladenden Gestaltung heraus? Um die Perspektive der Nutzer*innengruppe der Kinder facettenreicher nachzeichnen zu können, knüpfen wir im weiteren Forschungsverlauf mit partizipativen Workshops daran an. In diesen Workshops werden wir mit Hilfe von spielerischen und interaktiven Methoden die suburbanen Nachbarschaften aus Sicht der Kinder, die wir in dem Prozess als Co-Forschende verstehen, kennenlernen.
Darüber hinaus bleibt es spannend zu beobachten, wie sich die Freiräume in den nächsten Jahren weiterentwickeln und inwieweit sich diese durch das Spielen und Aneignen der Kinder verändern werden.