
Vermutlich kann es von den Stadtentwicklungsakteuren in Kelsterbach kaum jemand hören, aber ja, das ist die Gemeinde hinter Deutschlands wichtigstem Flughafen.[1] Darum zeigte Booking.com beim Buchen eines Hotels in Kelsterbach auch kein hessisches Fachwerk als Symbolfoto für den Ort, sondern ein startendes Flugzeug (zumindest ging es dem Autor so).
Ein paar Fakten, die man im Hinterkopf haben sollte, um die es aber hier nicht gehen soll. Der statistische Ausländeranteil (ohne dt. Staatsangehörigkeit) ist mit Offenbach der höchste in Hessen (ca. 1/3). In dem Kurzzeitprogramm „Zukunft Stadtgrün [2]“ 2017-19 fiel Kelsterbach dadurch auf, dass es als eine der ersten Kommunen eine lineare Raumstruktur – einen Grünzug – zur formalen Gebietskulisse in der Stadterneuerung [3] (z.B. §142 BauGB)[4] machte. Aufgrund der Flughafennähe befinden sich eine Reihe internationaler Logistikunternehmen in Kelsterbach, aber auch die eine oder andere Firma mit asiatischem Firmensitz hat ihre Deutschland-Repräsentanz in dieser Gemeinde.
Worum es hier geht, ist freilich das suburbane Geschehen in Zeiten der Reurbanisierung (es ist schließlich der Blog zur Neuen Suburbanität): Reurbanisierung meint diesmal spezifisch die ca. drei Jahrzehnte lange Erfahrung in der Erneuerung von Siedlungen der Spätmoderne, die auch immer eine Art „Urbanisierung“ der Siedlungen bedeutet (dazu gleich mehr) und die Nutzung hoher Lagegunst für den Geschosswohnungsbau auch jenseits der Innenstädte. Und so ein Ort ist die Mainhöhe – ohne, dass sie bis vor ein paar Jahren so hieß und ohne, dass diese Lagegunst präsent war. Im Gegenteil, bei den drei-bis fünfgeschossigen Wohngebäuden auf der Mainhöhe handelte es sich vor einem Jahrzehnt noch um die ungeliebten und verschossenen Häuser am Rande der Stadt, die man im Westen sozialen Brennpunkt [5] nannte (und im Osten als Platte [6] bezeichnete). Doch der Blick direkt über den Main ist wirklich super und – weiter den Klischees der ungerechten Stadt folgend – einer Villenbebauung am Hang wert.
Die Stadterneuerung der Mainhöhe – mit dem treibenden Akteur der Nassauischen Heimstätte [7] sowohl in der Rolle des Eigentümers als auch des Planungsbüros (als NH Projektstadt) [8] – wäre nun in Sachen Neue Suburbanität wenig bedeutsam, wenn sich nicht auf einer planungstheoretischen Ebene Querverbindungen entdecken lassen würden. Denn die Stadterneuerung der Siedlungen der 1950-80er Jahre als „Urbanisierung“ zu bezeichnen, ist zwar unpräzise, zielt aber auf die wohlbekannten Aspekte der Schaffung einer zukunftsfähigeren Nutzungsmischung, von öffentlichen Räumen, in denen street life nach Gehl [9] stattfindet und auch der Bedienung unterschiedlicher Marktsegmente einer auch sozial gemischten Nachbarschaft. Im Fall der Mainhöhe lag der Fokus auf Spielplätzen und der Erreichbarkeit des tiefer gelegenen Mainufers, das man nun durch neugebaute Treppenanlagen oder (ab einem gewissen Alter halsbrecherisch, für Kinder fantastisch) über einen in den Hang gebauten Abenteuerspielplatz erreicht (letzter Abschnitt per Rutsche). Spielplatz und sozialer Treff liegen nun unmittelbar nebeneinander, die Parkplätze wurden neu geordnet.

Das Quartier liegt in der Tat am Rand von Kelsterbach, circa 1,5 km vom S-Bahnhof (15‘-Takt nach Wiesbaden und in die Frankfurter Innenstadt, der Flughafen ist eine Station entfernt) [10] entfernt – eben Richtung Main. Der zentralen Achse, der Rüsselsheimer Straße, sieht man an, dass sie im Wandel ist, stadtauswärts links kommt man am Enka-Quartier [11] vorbei, der Konversion des gleichnamigen Fabrikgeländes, bevor dahinterliegende Brachflächen – zumindest beim Besuch des Autors – mit Autos von mutmaßlichen Urlaubern zugeparkt waren. Stadtauswärts rechts reihen sich die Geschossbauten der 1960er-Jahre auf – bis man spazierengehend überrascht wird:
Denn ein Teil der „verschossenen“ Wohngebäude wurde in der Tat abgerissen und durch Neubauten ersetzt. Auf einmal sieht die Mainhöhe so aus, wie man sich heutzutage dichte Neubauquartiere vorstellt: halbgeschlossene Höfe, auffällig gestaltete Balkons, gestaltete Freiräume, das erkennbare Erdgeschoss für die Kita, allerdings Tiefgaragen statt Quartiersgarage (oben an einer Hanglage ist der Baugrund auch möglicherweise „tiefgaragenfreundlicher“ als in den Ebenen Hamburgs und Berlins) [12] [13]. Städtebau der 1960er- und 2020-er-Jahre mischen nun die Mainhöhe. Für die Sozialplanung beim Abriss (vgl. §180 BauGB) [14] konnte man Anleihen beim Stadtumbau nehmen; die Anleihen für den Neubau sind ganz klar im zeitgenössischen Städtebau [15] zu finden. Wie das ankommt, wird man sehen, beim Besuch des Autors waren jedenfalls die Umzugswagen vor dem Neubau zu sehen (und die Vollvermietung wurde von den Gesprächspartnern bestätigt). Ebenfalls zum Vorteil dürfte gereichen, dass es aufgrund der Sozialen-Stadt-Logik des Gebiets [16] auch Quartiersmanagement-Strukturen gibt, also die Kümmererfunktion vor Ort.
Die Zielgruppe ist für die Neubauten kaum anders als für die benachbarten Wohnungen im besten „Boomer“-Alter: z.B. Menschen, die am nahegelegenen Flughafen selbst oder in den „flughafennahen“ Unternehmen der Gewerbegebiete arbeiten. [17] Ob sie wie bisher weiter mit dem Auto pendeln (der Autobesitz pro Haushalt ist überdurchschnittlich) oder vielleicht irgendwann über den Grünzug [18] quer durch die Gewerbegebiete zum Flughafen (siehe das Zukunft-Stadtgrün-Projekt, oben) mit dem Fahrrad über die „Green Line“ – auch das wird man vielleicht/hoffentlich Ende des Jahrzehnts beobachten können. Zuversicht ist angebracht: erst recht, wenn die „Green Line“ den Main nach Norden queren kann, entsteht auf der Mainhöhe ein Knotenpunkt zwischen Nachbarschaft und regionalem Radverkehr [19] mit hoffentlich belebenden Auswirkungen auf den Hangspielplatz, das Mainufer und das noch verträumt-überwucherte Hafenbecken (und schon jetzt musste der Autor am Uferweg bei Nieselregen dem Radverkehr ein ums andere Mal ausweichen).
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Quintessenz: Je nachdem, wie sich die Lagegunst neu bewerten lässt, werden in den Metropolräumen vor und hinter der Stadtgrenze der stark wachsenden Metropolen auch die Quartiere der 1960er-80er Jahre wieder an Bedeutung gewinnen, erst recht, wenn sie nach erfolgter Stadterneuerung viel von der sozioinfrastrukturellen Ausstattung (von Kita bis Nachbarschaftstreff)[20] und den familienorientiert gestalteten Freiräumen [21] besitzen, die in den Neubauquartieren [22] erst noch „from scratch“ geschaffen werden soll. Mutig die städtebaulichen Strukturen zu mischen und die 1960er- und 2020-er Jahre nebeneinander zu stellen, kann hilfreich sein, nicht nur das Image der Quartiere zu verbessern. Für die Wissenschaft stellt sich dann die Frage, wann es sich einmal lohnt, ausführlicher die Neubauten in Kelsterbach mit jenen in Leipzig-Grünau [23] [24] oder Berlin-Marzahn [25] [26] zu vergleichen (auch, wenn der Abrissgrund dort ein anderer war und die Brachflächen etwas „herumlagen“: Im Ergebnis ist die Logik die gleiche, wenn zeitgenössischer Ersatzwohnungsneubau die Struktur eines Quartiers weiterentwickelt). Für Planungspraxis und Stadtentwicklungspolitik stellt sich die Frage, welche Rolle die Großsiedlungen an den Rändern der Metropole spielen sollen: Spielen sie in der gleichen „Geschosswohnungsbau-Liga“ der europäischen Stadt des 21. Jahrhunderts oder sollen sie mangels Alternativen anderswo dann doch in die „Sozialliga“ „absteigen“, da man für die „Mühseligen und Beladenen“ schließlich auch Wohnraum braucht. Die Großsiedlungen des späten 20. Jahrhunderts können beides [27], das haben die vergangenen Jahrzehnte der Stadterneuerung bewiesen [28] (oder ausführlicher in dieser Reihe, z.B. 2019, 2017, 2012) [29]. In welche Richtung sich welcher Stadtrand mit Geschosswohnungsbau entwickelt, obliegt dann aber der Stadtentwicklungspolitik zu entscheiden, der Autor als Wissenschaftler beobachtet hier nur …
Dank geht an: Manfred Ockel (Bürgermeister von Kelsterbach), Marion Schmitz-Stadtfeld (Leiterin Integrierte Stadtentwicklung) und Alexa von Wedel für den freundlichen Empfang in Kelsterbach und den Rundgang durch die Mainhöhe.
Endnoten
[1] https://www.frankfurt-airport.com/de.html
[2] https://www.staedtebaufoerderung.info/DE/WeitereProgramme/ZukunftStadtgruen/zukunftstadtgruen_node.html
[3] https://de.wikipedia.org/wiki/Stadterneuerung
[4] https://www.gesetze-im-internet.de/bbaug/__142.html
[5] https://de.wikipedia.org/wiki/Sozialer_Brennpunkt
[6] http://www.gross-siedlungen.de/de/193_Image_vs_Stigma.htm
[8] https://www.projektstadt.de/
[9] https://www.repo.uni-hannover.de/handle/123456789/15277
[10] https://iris.noncd.db.de/wbt/js/index.html?bhf=FKCH
[11] https://www.enka-quartier.de/
[12] Krüger/Altrock 2023: https://www.cogitatiopress.com/urbanplanning/article/view/6336
[13] https://www.planung-neu-denken.de/1-2021-new-urban-quarters/neuer-siedlungsbau-in-deutschland/
[14] https://www.gesetze-im-internet.de/bbaug/__180.html
[16] https://www.db-thueringen.de/servlets/MCRFileNodeServlet/dbt_derivate_00063450
[18] https://www.klimainsel-kelsterbach.de/
[20] Krüger2024 (S. 337ff.: https://www.transcript-verlag.de/978-3-8376-6331-0/neue-suburbanitaet/?c=310000102&number=978-3-8394-6331-4
[22] Krüger 2021: https://www.planung-neu-denken.de/1-2021-new-urban-quarters/neuer-siedlungsbau-in-deutschland/
[23] https://wg-lipsia.de/richtfest-lipsia-zwillinge/
[24] Leipzig-Reader im Erscheinen
[25] https://www.degewo.de/wachstum/neubau/marzahn/mehrower-allee-28-und-30
[26] https://entwicklungsstadt.de/bodo-uhse-strasse-in-marzahn-so-sieht-die-nachverdichtung-aus/
[28] http://www.gross-siedlungen.de/de/193_Image_vs_Stigma.htm
[29] https://www.springer.com/series/14364