Stadterweiterungen im Blick: Interdisziplinäre Ansätze zur Erforschung der Neuen Suburbanität

Randi Bornmann, Stephan Große​, Michael Swiacki. September 2025

Die Forschungsgruppe zur „Neuen Suburbanität“ mit neun beteiligten Teilprojekten ermöglicht uns nicht nur die Arbeit an den jeweils eigenen Fragestellungen, sondern bietet auch die Möglichkeit des Austauschs zu übergreifenden Themen. In diesem Rahmen können u.a. interdisziplinäre Forschungsansätze erprobt sowie durch einen regelmäßigen Wissenstransfer neue Perspektiven für die eigene Forschung eröffnet werden. Frühzeitig wurde deutlich, dass die Kooperation der Teilprojekte „Räumliche Muster“, „Städtebauliche Leitbilder“ und „Governance“ vor allem mit Blick auf die Erarbeitung der Empirie einige Schnittmengen aufweist. In diesem Blogbeitrag soll ein Überblick über die kooperative Arbeit gegeben sowie beschrieben werden, welche Ziele dabei verfolgt wurden und welche Ergebnisse bereits erzielt worden sind.

In der Untersuchung der „Neuen Suburbanität“ und den dazugehörigen Stadterweiterungen „in Zeiten der Reurbanisierung“ motivierte uns eine frühe Beobachtung dazu, in dieser Konstellation zusammenzukommen: der Blick über die Stadtgrenze der Metropolen hinaus. Denn neben den gemeinsamen Schlüsselprojekten in Berlin, Frankfurt am Main, Freiburg im Breisgau, Hamburg und München, die im Fokus der Forschungsgruppe stehen, ist auch weiterhin in großer Zahl kleinräumiger „Alltagsstädtebau“ vor allem in Form von Wohngebieten mit mehrheitlich Einfamilien- und Doppelhäusern zu beobachten. Eine Auswertung der Fertigstellungszahlen neuer Wohngebäude zeigt beispielsweise für die Metropolregion Hamburg einen weiterhin hohen Anteil von Wohngebäuden mit ein und zwei Wohneinheiten an allen Wohneinheiten im Zeitverlauf von 2013 bis 2023.

Anteil von fertiggestellten Wohngebäuden nach Anzahl Wohneinheiten in der Metropolregion Hamburg. (Quelle: Eigene Darstellung auf Basis von Statistische Ämter des Bundes und der Länder (2025); kombiniert mit BBSR Stadt- und Gemeindetyp)

Vor dem Hintergrund des Anspruches eines kompakten und dichten Siedlungsbaus sowie der Herausforderung, dass Wohnraumversorgungsengpässe nicht nur in und von den (Groß)städten allein bewältigt werden können, kommt dieser skizzierten Form der Siedlungsentwicklung aus unserer Sicht große Bedeutung zu. Wichtig ist in diesem Zuge außerdem die regionale Betrachtung, da Wohnraumbedarf und generell Wohnungsmärkte nicht an der Stadtgrenze Halt machen. Flächenverfügbarkeit, Preisentwicklungen sowie Wohnraumnachfrage können sich je nach Kommune stark unterscheiden und führen dazu, dass Umlandkommunen von Großstädten über mehr Flächen verfügen, um den in der Bevölkerung weiterhin bestehenden „Traum des Einfamilienhauses“ zu ermöglichen. Nicht zu vernachlässigen sind hier auch kontextspezifische politische Arrangements und komplexe Akteurskonstellationen, die räumlich unterschiedliche Bautätigkeit beeinflussen und so hervorbringen. Erste Ergebnisse unserer Interviews zeigen, dass der politische Wille in kleineren Gemeinden oft den übergeordneten Entwicklungszielen in puncto Nachhaltigkeit / Flächennutzung entgegensteht. So wird beispielsweise ein Einfamilienhaus nach wie vor als optimale Wohnform für junge Familien bewertet, und zudem sollen zu starke Restriktionen im Sinne des Baurechts für die Bauwilligen (sowohl private Bauherren als auch Projektentwickler) vermieden werden.

Das übergeordnete Forschungsinteresse der drei Teilprojekte besteht darin, das jüngere Stadterweiterungsgeschehen systematisch zu erfassen – sowohl im Hinblick auf Entwicklungen der letzten Jahre als auch solche, die sich derzeit in Planung befinden. Auf Grundlage dieser Erhebungen sollen Fragen zu grundlegenden Prozessen und Entwicklungen beantwortet werden, um so einen Beitrag zu aktuellen Debatten der Siedlungsentwicklung zu leisten.

Konkret verfolgt das Teilprojekt 4 das Ziel, mithilfe von Fernerkundungsdaten das Stadterweiterungsgeschehen seit 2000 in allen deutschen Verdichtungsräumen hinsichtlich seiner Standorte und der angeforderten nachhaltigen Siedlungsentwicklung zu inventarisieren und zu typologisieren. Im Fokus steht unter anderem der Vergleich zwischen und innerhalb von Stadtregionen, wie auch die Ausarbeitung von übergeordneten Mustern. Teilprojekt 5 untersucht alle deutschen Großstädte und ihre Stadterweiterungsprojekte mit einem besonderen Fokus auf baulich-räumlich-funktionale Leitbilder – auch mit Blick in die Umlandgemeinden (Projekte ab 100 WE). Dafür werden u.a. Daten aus einem bereits abgeschlossenem BBSR-Forschungsprojekt „Neue Stadtquartiere – Konzepte und gebaute Realität“ ergänzt, aktualisiert und korrigiert. Teilprojekt 7 wiederum setzt sich dezidiert mit dem Zusammenspiel von Gesellschaft und Stadterweiterung auseinander. Im Zentrum steht die Analyse von Entscheidungs- und Verhandlungsprozessen, die lokalen Einzelprojekten zugrunde liegen. Stärker als in den anderen Teilprojekten liegt hier der Fokus auf Projekten im kleineren Maßstab (unter 100 WE) sowie kleineren Gemeinden in den Metropolregionen der oben genannten Schlüsselprojekte, um deren spezifische Anforderungen und Rahmenbedingungen zu verstehen.

Die Erforschung der „Neuen Suburbanität“ basiert in den drei Teilprojekten zwar auf unterschiedlichen Zugängen – sowohl inhaltlich als auch in Bezug auf die Maßstäblichkeiten der zu untersuchenden Räume –, dennoch tauchen immer wieder Anknüpfungspunkte auf. Im Abgleich der Zwischenergebnisse und in Diskussionen verdeutlicht sich das übergreifende gemeinsame Forschungsinteresse. Im Mittelpunkt steht dabei nicht nur die Erfassung und Dokumentation sowohl bereits realisierter als auch geplanter Entwicklungen, sondern auch die Analyse der nachweisbaren Fallkonstellationen und der daraus ableitbaren Erkenntnisse. Der Fokus auf standortspezifische, städtebaulich-funktionale sowie akteurszentrierte Entwicklungen dient dem Ziel, die Charakteristika der „Neuen Suburbanität“ herauszuarbeiten – insbesondere mit Blick darauf, ob sich neue Formen urbaner Praxis abzeichnen oder ob es sich um ein Fortbestehen etablierter Muster handelt. Im interdisziplinären Austausch gilt es, gemeinsame Nenner zu identifizieren oder komplementäre Perspektiven zu entwickeln, um ein möglichst umfassendes Verständnis des Phänomens zu ermöglichen.

Die Forschung in der ersten Phase war geprägt davon, einen Überblick über jüngere Stadterweiterungsvorhaben zu erarbeiten und diese wie oben skizziert systematisch zu erfassen. Hierzu wurde ein gemeinsamer Arbeitsprozess entwickelt, welcher von gegenseitigen Qualitätskontrollen begleitet wurde. Konkret war der Prozess in drei Schritte gegliedert:

Schritt 1: Definition und Abgrenzung der Suchräume („Transekte“)
Räumlich ausgehend von den fünf Schlüsselprojekten wurden in einem ersten Schritt Suchräume – meist äußerer Stadtbezirk/Stadtteil der Stadt plus zwei Umlandgemeinden – gebildet, denen besondere Aufmerksamkeit zuteilwerden sollte. Diese sog. „Transekte“ dienen als Hilfskonstrukt dazu, Räume auch unabhängig von administrativen Grenzen zu betrachten. Die Definition dieser Suchräume ermöglicht es uns, exemplarische Teile der Stadtregion als zusammenhängenden Untersuchungsbereich zu betrachten und ihre Qualitäten zu untersuchen. Mit kollaborativen Online-Karten-Anwendungen wie uMap arbeiteten wir gemeinsam an diesen Grenzziehungen, verschoben diese mehrfach und diskutierten die jeweiligen räumlichen Ausdehnungen.

Schritt 2: Aufbereitung und Nutzung des Datensatzes „mat-stocks“
Wichtiges Utensil in der Anfangsphase der Forschung ist Geodatensatz „mat-stocks“, welcher Informationen über die bauliche Entwicklung in Deutschland in den letzten Jahren umfasst. Im Zeitraum von 1985 bis 2018 wird in dem Datensatz eine bauliche Veränderung dargestellt (vgl. Schug et al. 2022). Neben großräumigen Untersuchungen bietet er auch die Möglichkeit, als Indikator eingesetzt zu werden. Zu diesem Zweck wurden Ausschnitte in Form der Transekte aus dem Datensatz gebildet. Die Raster in 30 Meter Auflösung aus dem Datensatz wurden anschließend in Jahresabschnitte von fünf Jahren gruppiert und farblich kodiert, bevor sie in eine gemeinsame Onlinekarte eingefügt wurden. Als Grundlage diente die Webanwendung uMap, mittels der eine kollaborative Zusammenarbeit auf Kartenebene möglich ist. Im Ergebnis lag die Information vor, in welchen Räumen in welchen Jahren eine bauliche Veränderung stattgefunden hat (s. nachfolgende Abbildung).

Ausschnitt aus dem aufbereiteten mat-stocks-Datensatz, farbliche Kodierung nach Jahreszahl der baulichen Veränderung (Quelle: Eigene Darstellung, Datengrundlage Schug et al. 2022, Kartendaten OpenStreetMap)

Mittels dieses Indikators konnte gezielt in den betreffenden Gemeinden nach Stadtentwicklungsprojekten recherchiert werden, da bereits Informationen zur ungefähren Größe, dem ungefähren Baualter sowie der Entfernung zu den jeweiligen Schlüsselprojekten vorlagen. Der Rechercheprozess konnte somit deutlich verkürzt werden und zielgerichteter erfolgen.

Schritt 3: Recherche nach Einzelprojekten und Sammlung
Im Anschluss wurden die Informationen zu den identifizierten Stadtentwicklungsprojekten auf zwei Arten erfasst und gespeichert, zum einen mittels des bereits genannten Tools uMap, da hier auf einem einfachen Wege sowohl die Umrisse der Plangebiete verzeichnet als auch erste Informationen erfasst werden können. Im Ergebnis stand eine Online-Kartenansicht zur Verfügung, in der für das Forschungsprojekt relevante Projekte verzeichnet sind (siehe nachfolgende Abbildung).

Ausschnitt aus der Online-Kartenansicht, bei der auf Basis der Rasterzellen Einzelprojekte identifiziert wurden. (Quelle: Eigene Darstellung, Datengrundlage Schug et al. 2022, Kartendaten OpenStreetMap)

Zum anderen wurde das Datenbanktool KoboToolbox genutzt, um ebenfalls kollaborativ an der Projektrecherche zu arbeiten. Hintergrund ist die im Hinblick auf umfangreichere Datenerfassung eingeschränkte Funktionalität von uMap. Grafisch bietet das Tool zwar einen guten Überblick und erlaubt räumliche Rückschlüsse, ergänzende Daten kann das Tool jedoch nicht verarbeiten. Ergänzend wurde daher auf ein Datenbanksystem gesetzt, welches wiederum online zur Verfügung steht und eine gleichzeitige Bearbeitung der Daten erlaubt. Hier wurden weitere Kategorien gebildet, wie Größe des Plangebiets, Art der Nutzung usw. Hintergedanke war es hier, die getroffene Auswahl der Stadtentwicklungsprojekte filtern und auswerten zu können. Zudem bietet diese Auswahl die Arbeitsgrundlage für etwaige Detailuntersuchungen im Projekt, bspw. für Interviews mit Verantwortlichen vor Ort.

Auch zukünftig ist vorgesehen, die Zusammenarbeit fortzuführen und auszubauen. Zentrales Anliegen ist dabei, die vielfältigen Ergebnisse wechselseitig zu erweitern, zu validieren und zu konsolidieren. Zwischenergebnisse sollen auf der 2. Meilensteintagung der Forschungsgruppe im Oktober präsentiert werden.

 

Quellen

BBSR (Hrsg.) (2021). Neue Stadtquartiere – Konzepte und gebaute Realität. BBSR-Online-Publikation 04/2021.

Schug, F., Frantz, D., Wiedenhofer, D., Haberl, H., Virág, D., van der Linden, S., & Hostert, P. (2022). High-resolution maps of material stock and population in Germany from 1985 to 2018 [data set]. Zenodo. https://doi.org/10.5281/zenodo.6909185

Statistische Ämter des Bundes und der Länder (2025): Fertigstellungen neuer Wohngebäude und Wohnungen in Wohngebäuden nach Zahl der Wohnungen – Jahressumme – regionale Tiefe: Gemeinden. (Code 31121-01-02-5)