Aufbauend auf dem ersten Blogbeitrag, in dem unterschiedliche Zugänge zu ökologischer Nachhaltigkeit und zur Vereinbarkeit von Erwerbs- und Sorgearbeit herausgearbeitet wurden, zeigt dieser Beitrag Synergien in der Quartiersplanung auf.
Das Team des Teilprojekts „Vereinbarkeit von Erwerbs- und Sorgearbeit“ hat in der bisherigen Forschungsarbeit fünf Handlungsfelder identifiziert, die für eine vereinbarkeitsorientierte Stadtplanung von entscheidender Bedeutung sind. Sie stammen aus einer Analyse von etwa 50 Planungspublikationen und Evaluationsergebnissen auf dem Gebiet der Geschlechtergerechtigkeit.[i]
Die fünf Handlungsfelder lauten:
- Wohnen und Wohnumfeld: Flexible Wohnflächen unterstützen die Arbeit von zu Hause und passen sich den veränderten Familienstrukturen an.
- Grüne und öffentliche Räume: Gut zugängliche, ausreichend viele und gepflegte Grünflächen, saubere öffentliche Toiletten, beschattete (Spiel-)Bereiche und Ruhemöglichkeiten für ältere Erwachsene sind besonders wichtig.
- Einrichtungen und Infrastruktur: Ein vielfältiges, leicht zugängliches und barrierefreies Infrastrukturangebot ist ein wichtiges Element in diesem Handlungsfeld.
- Mobilität und Verkehr: Benutzungsfreundliche Intervalle und ein subjektives Sicherheitsgefühl ermöglichen es Schicht- und Nachtarbeitenden sicher zu pendeln.
- Erwerbsarbeit und Beschäftigungsmöglichkeiten: Leicht erreichbare, qualifizierte Erwerbsarbeitsmöglichkeiten sind von grundlegender Bedeutung.
In diesem Blogbeitrag werden die Handlungsfelder aufgegriffen und auf drei ausgewählte Themenschwerpunkte bezogen. Dabei soll es um das Aufzeigen von Synergiepotenzialen sowie eine Verknüpfung im Hinblick auf die Schaffung von zukunftsfähigen und gendergerechten Quartieren gehen.
Es wird aufgezeigt, wie gemeinschaftlich genutzte Infrastrukturen, ein aktives Zugehörigkeitsgefühl und eine Ortsverbundenheit sowie Mobilitätskonzepte nicht nur ökologische Ziele fördern, sondern zugleich die Vereinbarkeit von Erwerbs- und Sorgearbeit erleichtern können.

Gemeinschaftliche Nutzung
Die gemeinschaftliche Nutzung von Infrastrukturen und Ressourcen ist ein wirkungsvoller Hebel, um Synergien zwischen ökologischer Nachhaltigkeit und der Vereinbarkeit von Erwerbs- und Sorgearbeit zu erwirken. Gerade in städtischen Quartieren eröffnet sie neue Wege, um Flächen effizienter zu nutzen, den Alltag für Familien und Sorgearbeitende zu erleichtern und soziale Netze zu stärken.
In vielen Stadtquartieren mangelt es an Gemeinschaftsflächen, die von den Bewohner*innen genutzt werden können. Dabei bieten beispielweise Gemeinschaftsräume, -gärten oder -küchen Möglichkeiten für Begegnung, nachbarschaftliche Unterstützung, informelle Betreuung oder generell gemeinschaftliche Aktivitäten. Räume dieser Art können Austausch und gegenseitige Hilfe fördern und bieten die Möglichkeit, Sorgearbeit zu kollektivieren. Ergänzend können auch Waschküchen, Werkstätten oder Sharing-Infrastrukturen für Haushalt und Freizeit Ressourcen sparen und Synergien im Alltag schaffen. Außerdem relevant in diesem Kontext ist eine flexible Mehrfachnutzung: Gemeinschaftsräume können je nach Tageszeit als Coworking Space, Veranstaltungsraum oder Spielbereich dienen.
Neben diesen physischen Angeboten können auch zeitliche Ressourcen geteilt werden: Nachbarschaftshilfe, ehrenamtliches Engagement oder Tauschbörsen für Betreuungszeiten sind Beispiele, wie Sorgearbeit gemeinschaftlich organisiert und auf mehrere Schultern verteilt werden kann. Modelle dieser Art stärken soziale Netze, fördern gesellschaftlichen Zusammenhalt und schaffen Freiräume für Erwerbsarbeit oder Erholung. Gerade in verdichteten Quartieren erhöhen generationsübergreifende Projekte und Zeitpools die Resilienz und Alltagstauglichkeit der Nachbarschaft.

Wohnmodelle wie Clusterwohnungen, Mehrgenerationenhäuser oder Cohousing-Projekte kombinieren kleinere private Wohnflächen mit großzügigen gemeinschaftlichen Bereichen. Indem Küchen oder Aufenthaltsräume geteilt werden, sinkt der Wohnflächenbedarf pro Person, und es kann mit kleineren Gebäuden geplant werden, was wiederum den Flächenbedarf sowie die Ressourcennutzung verringert. Gleiches gilt für das Grundstück: Eine gemeinschaftlich genutzte Grünfläche bietet Qualitäten für alle Bewohner*innen und senkt gleichzeitig den Bedarf an individuellen Flächen, weswegen auch kleinere Grundstücke genutzt werden können.
Zugehörigkeitsgefühl und Ortsverbundenheit
Das „Feeling of Belonging“ (dt. Zugehörigkeitsgefühl) kann an Orten, in Gemeinschaften und in Beziehungen zu anderen Menschen empfunden werden; eng damit zusammen hängt die „Place-Belongingness“ (dt. Ortsverbundenheit). Ortsverbundenheit ist das „Gefühl, an einem Ort zu Hause zu sein, an dem sich der*die Einzelne akzeptiert, sicher, wohl, gestärkt oder emotional verbunden fühlen kann“ (S.187, eigene Übersetzung).[ii] Ein starkes Zugehörigkeitsgefühl im Quartier kann sich positiv auswirken: Es stärkt soziale Netzwerke, auf die Sorgende im Alltag bauen können, und trägt zur effizienten Nutzung von Ressourcen bei.
Städtische Grüninseln verbessern das Mikroklima und senken die sommerliche Hitzebelastung. Gleichzeitig steigert eine sauber gehaltene und sichtbare Pflege dieser Freiräume das subjektive Sicherheitsgefühl der Nutzer*innen. Wird das Umfeld durch regelmäßige Instandhaltung und Beleuchtung aufgewertet, fühlen sich Kinder ebenso wie ältere Menschen sicher genug, sich ohne Begleitung im öffentlichen Raum aufzuhalten – ein wichtiger Schritt zur Reduktion von Begleitmobilität und CO₂-Emissionen.
Großzügige verkehrsfreie Zonen fördern nicht nur Begegnung und partizipative Nutzung, sie reduzieren auch den Flächenverbrauch durch Parkplätze und Fahrbahnen. Indem versiegelte Flächen durch Rasen oder Blumenbeete ersetzt werden, sinkt der Oberflächenabfluss, und Regenwasser kann schneller versickern.

Die Verfügbarkeit und Sauberkeit öffentlicher Toiletten ist ein oft unterschätzter Faktor für die Aufenthaltsqualität von Freiräumen. Sind Sanitäranlagen barrierefrei und kostenlos und werden sie regelmäßig gewartet und gereinigt, steigen Nutzungsdauer und Aufenthaltszeiten im Freien – insbesondere von vulnerablen Nutzungsgruppen, wie beispielsweise Kindern, Frauen oder Menschen mit Erkrankungen. Dadurch entstehen lebendigere Nachbarschaften, die Anzahl spontaner Begegnungen nimmt zu, und das subjektive Sicherheitsgefühl steigt.
Energie- und Materialverbrauch können sinken, wenn Gemeinschaftsräume beispielsweise von Genossenschaften gemeinsam organisiert werden – Waschräume, Indoor-Spielorte oder Co Working Spaces können dann wiederum das Zugehörigkeitsgefühl stärken. Ein Kommentar aus einem Interview zeigt die weitgehende Bedeutung solcher Räume im Stadtbild: „Weil man das dann auch schon als Nichtbewohner*in, sondern einfach nur als Person, die da durchgeht, schon sofort sieht, dass da irgendwie Wert auf Gemeinschaftsflächen […] gelegt wird.“.
Freundschaften und Nachbarschaftshilfe aufgrund von einem starken Zugehörigkeitsgefühl können den Sorgeaufwand für Einzelne reduzieren, indem beispielsweise der Nachbar auf die Kinder aufpasst, während man selbst für diesen etwas vom Einkaufen mitbringt. Diese idealtypische Darstellung von reziproker Nachbarschaftshilfe zeigt aber auch einen feministischen Kritikpunkt auf: Die Privatisierung legt die Verantwortung auf das Individuum um, anstatt strukturelle Lösungen für die Vereinbarkeit von Erwerbs- und Sorgearbeit zu finden.
Eine ausgeprägte Ortsverbundenheit ist kein „Wohlfühlkonzept“, sondern ein Schlüssel zur nachhaltigen und sozial gerechten Stadtentwicklung. Attraktive Grünflächen, sichere, autofreie Zonen, gepflegte Sanitäranlagen und gebündelte Nachbarschaftsinfrastruktur wirken synergetisch: Sie senken Emissionen, reduzieren Versiegelung und können die Vereinbarkeit von Erwerbs- und Sorgearbeit erleichtern. Städte, denen es gelingt, diese Elemente konsequent zu planen und umzusetzen, schaffen lebenswerte Räume, in denen Menschen gerne bleiben, sich engagieren und so gemeinsam an einer resilienten Zukunft arbeiten.
Mobilitätskonzepte
Ein Mobilitätskonzept legt eine wichtige Basis für Quartiere, um Nachhaltigkeitsaspekte und Geschlechtergerechtigkeit zu integrieren. Der Fokus auf sichere Fuß- und Radwege ermöglicht es Bewohner*innen, sich ohne Auto durch den Stadtteil zu bewegen, und trägt somit zu weniger Emissionen und weniger Begleitmobilität von Kindern oder älteren Angehörigen bei. Ein reduzierter Stellplatzschlüssel ermöglicht es, die Straßenräume für Gemeinschaftsflächen zu nutzen, und verringert möglicherweise den Anteil der versiegelten Flächen.
Allerdings führt das Bestreben zu autoärmeren suburbanen Quartieren punktuell auch zu Konflikten, da die Quartiere in Stadtstrukturen und eine Gesellschaft eingebettet sind, in denen motorisierter Individualverkehr eine hohe Priorität hat. Das führt zu angespannten Verhältnissen mit Nachbarquartieren und Situationen, in denen Vereinbarkeit partiell auch erschwert statt erleichtert wird (die Großeltern, die mit dem Auto kommen, um Kinderbetreuung zu übernehmen, haben keine Parkmöglichkeit, aber auch keine gute Anbindung an öffentliche Verkehrsmittel von ihrem Wohnort).

Das Leitbild „Stadt der kurzen Wege“, das sowohl zur Vereinbarkeit in Bezug auf das Phänomen des „Trip-Chaining“ (mehrere Stopps im Alltag einer Person, die Erwerbs- und Sorgearbeit zu vereinbaren versucht) beiträgt, als auch unter ökologischen Gesichtspunkten sinnvoll ist, wird in der Planung aktueller suburbaner Quartiere mit einbezogen, aber seine Wirkung endet oft an den Grenzen des jeweiligen neugeplanten Gebiets. Ein Fokus auf Fuß- und Radverkehr sowie auf öffentliche Verkehrsmittel trägt in neuen Quartieren dazu bei, Erwerbs- und Sorgearbeit nachhaltig und geschlechtergerecht zu verbinden. Die Frage, wie sich dieser Ansatz im Verhältnis zum Mobilitätskonzept der Gesamtstadt verhält, bleibt aktuell oft unbeantwortet. Das ist vor allem in Bezug auf Pendelwege zu potentiellen Arbeitsplätzen, die nicht in den Quartieren liegen, eine Herausforderung für Vereinbarkeit von Erwerbs- und Sorgearbeit und auch für Nachhaltigkeit.
Ausblick
Die gemeinschaftliche Nutzung von Infrastrukturen und Ressourcen ist ein wichtiger Schritt hin zu einer nachhaltigen und sozial gerechten Stadtentwicklung. Durch die Schaffung von Synergien zwischen ökologischer Nachhaltigkeit und der Vereinbarkeit von Erwerbs- und Sorgearbeit können lebenswerte Räume geschaffen werden, in denen Menschen gerne bleiben und sich engagieren. Dieser Ansatz wird bereits (implizit) in neue Planungsprozesse suburbaner Gebiete inkludiert und kann in Zukunft von einer Vision zur Wirklichkeit werden. Im dritten Teil der Blogserie geht es insbesondere um die möglichen Konflikte zwischen Nachhaltigkeit und Vereinbarkeit in neuen Stadterweiterungsprojekten.

Endnoten:
[i] Bertram, H. (2023). Planning Gender-Inclusive Cities: Tactical and Strategic Support for the Reconciliation of Paid Work and Care Work. In N. Čamprag, L. Uğur, & A. Suri (Eds.), Diversity and Inclusion Research. Rethinking urban transformations: A new paradigm for inclusive cities (pp. 169–185). Springer. https://doi.org/10.1007/978-3-031-37224-7_10
[ii] Mohseni, H., Silvennoinen, J. & Kujala, T. (2024). Place-belongingness in real-life contexts: A review of practical meanings, contributing factors, and evaluation methods. GeoJournal, 89(5). https://doi.org/10.1007/s10708-024-11173-9